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Zeit, über Geld zu reden.

Geld und Geschlecht

Auch was Geld und Finanzen angeht, bestehen zwischen Frauen und Männern Unterschiede. Vor allem einer Differenz sollten sich Frauen bewusst sein – und ihr Verhalten überdenken. Es geht nicht um Peanuts, sondern um sechsstellige Beträge.

Vorweg: Jeder Satz dieses Beitrags müsste von einem «durchschnittlich», «eher» oder «in der Regel» begleitet werden. Denn natürlich gelten die Aussagen nicht für jeden einzelnen Mann und jede einzelne Frau. Aber in der Tendenz, so legen Wissenschaft und Alltagserfahrungen nahe, bestehen sehr wohl Unterschiede.

Der banalste ist, dass sich Männer mehr für Geld, Finanzen und alles, was damit zusammenhängt interessieren. Sie sind geldgetriebener und verfügen auch über mehr Know-how, wie ein Vergleich des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zeigt. In 135 von 144 Ländern wussten die Männer in Finanzfragen durchschnittlich besser Bescheid. (Quelle: „Gender Gap in der finanziellen Bildung: Einkommen, Bildung und Erfahrung erklären ihn nur zum Teil“, Antonia Grohmann, DIW Wochenbericht 46, S. 1083-1090, 2016)

Das bedeutet aber nicht, dass sie automatisch die besseren Anleger wären. Die Forschungsergebnisse dazu sind nicht eindeutig, in nicht wenigen Studien schneiden die Frauen besser ab. Unbestritten sind jedoch zwei Unterschiede, die Auswirkungen auf das Anlageverhalten haben. Männer haben eine grössere Risikoneigung und ein grösseres Selbstbewusstsein. Wobei die Grenzen zur Selbstüberschätzung fliessend sind. (Quelle: „Age and Gender Differences in Self-Esteem – A Cross Cultural Window“, Samuel D. Gosling, Journal of Personality and Social Psychology, Vol. 111, No. 3, 2015)

Dies hat Folgen auf die Wahl der Anlageinstrumente. Frauen geben sich mit tieferen Renditen zufrieden und investieren darum in risikoärmere Produkte wie Fonds oder Anleihen. Männer trauen sich mehr zu und kaufen risikoreichere Anlagen wie Aktien. Welche Strategie erfolgreicher ist, hängt auch vom Börsenumfeld ab. Wenn sich die Aktienkurse überdurchschnittlich entwickeln, zahlt sich das risikoreichere Verhalten der Männer aus, im umgekehrten Fall stehen die Frauen oft besser da. (Quelle: „Boys will be Boys: Gender, Overconfidence, and Common Stock Investment“, Brad M. Barber and Terrance Odean, The Quarterly Journal of Economics, Volume 116, Issue 1, 2001)

Dass Männer stärker von Selbstüberschätzung betroffen sind, zeigt sich auch im Casino und bei Sportwetten. Beide werden von Männern dominiert und beide folgen derselben Systematik. Die meisten verlieren, ein paar wenige Glückliche räumen ab. Die Erwartung, dass man zu den prädestinierten Gewinnern gehört, ist bei Männern offenbar verbreiterter. (Quelle: „Glücksspiel und Spielsucht in der Schweiz“, Büro BASS, 2004)

Verhandlungssache Einkommen

Wenn es um Geld und Geschlechter geht, darf der Gender Pay Gap nicht fehlen. Die Problematik: Das Einkommen der Frauen ist im Durchschnitt 18 Prozent tiefer. Je höher die Funktion, desto grösser die Unterschiede. Davon lassen sich laut BFS 58 Prozent erklären. Männer wählen lukrativere Branchen, arbeiten weniger Teilzeit, machen mehr Weiterbildungen, opfern der Arbeit eher alles unter. Doch 42 Prozent der Differenzen sind „nicht erklärbar“. (Quelle: „Schweizerische Lohnstrukturerhebung“, Bundesamt für Statistik BFS, 2014)

«Eine Teilerklärung für diese Unterschiede liefert das bereits angesprochene stärkere Selbstbewusstsein der Männer. Dieses ist in einer bestimmten Situation ein zentraler Vorteil – nämlich bei Lohnverhandlungen. Wer überzeugt ist, dass er überdurchschnittlich gute Arbeit leistet, will dafür entsprechend entlohnt werden. Und wer dann auch noch den Mut aufbringt, nach einer Gehaltserhöhung zu fragen, erhält sie vielleicht auch.»

Wer nicht fragt, muss auf einen netten Arbeitgeber hoffen. Die gibt es natürlich schon: «Immer mehr Unternehmen verpflichten sich zu Lohngerechtigkeit und erhöhen die Löhne nach festgelegten Leistungskriterien. Zu diesen gehören neben der Bank Cler auch McDonalds, Novartis, die Swiss und EY Schweiz. Aber ganz viele tun es nicht – und die Höhe des Einkommens ist, im wahrsten Sinne des Wortes, reine Verhandlungssache. (Quelle: "Engagement Lohngleichheit", www.elep.ch).

Wie unterschiedlich das Verhalten bei Lohngesprächen ist, wurde mehrfach untersucht. Am erschreckendsten ist das Ergebnis einer Studie aus den USA, die das Verhalten von Universitäts-Absolventinnen und -Absolventen bei der ersten Lohnverhandlung beobachtet hat. Während 57 Prozent der Männer nach einem besseren Lohn gefragt haben, waren es bei den Frauen nur sieben Prozent. Bei anderen Untersuchungen war die Differenz nicht ganz so krass, aber immer signifikant. (Quelle: „Nice Girls Don’t Ask“, Linda Babcock et al, Harvard Business Review, 2003)

Hier lässt sich der Bogen zum Finanzwissen schlagen. Wer da Lücken hat, unterschätzt die langfristigen Effekte von Einkommensunterschieden massiv. Wenn man bei der ersten Stelle verhandelt und etwas herausholt, startet auf einem höheren Niveau. Mit jeder Lohnerhöhung, auch wenn sie nicht riesig, vergrössert sich der Effekt.

Unter Berücksichtigung von Zins und Zinseszins verwandelt sich eine 5000-Franken-Differenz beim ersten Lohn zu einem Vermögensunterschied von mehreren hunderttausend Franken bis zur Rente. Und das ist dann doch ein sehr hoher Preis für etwas mehr Harmonie beim Jahresgespräch.