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Bank Cler

Der Mann, der die Zukunft ausgräbt

Wer einen Zukunftsforscher besucht, erwartet Monitore und Hightech. Das kann Markus Iofcea auch bieten – doch darum herum stehen Malstaffeleien, Ölbilder, Skulpturen. Vielleicht gerade deshalb gräbt der «Zukunftsarchäologe», wie er sich nennt, tiefer in die Zukunft als viele andere.

Be unique

Wie bewahren wir uns die Einzigartigkeit im Zeitalter von KI, Social Media und Copy-Paste? In unserer aktuellen Ausgabe des Magazins blu zeigen wir, was Einzigartigkeit ausmacht – bei uns Menschen, in der Schweiz und bei der Bank Cler.

Da schwebt ein Astronaut und diskutiert mit einer Wolke: Wir stehen vor einem Ölbild von Markus Iofcea. Er erklärt es so: «Dieser Typ unterhält sich mit seinem digitalen Ich.»

In seinem Büro liegt ein Duft von Leinöl, Terpentin und Kaffee in der Luft. Malstaffeleien, Ölgemälde, Bücher und Star-Trek-Figuren stehen herum. Und mittendrin sitzt Markus Iofcea am Computer.

Wie einst Leonardo da Vinci konstruiert auch Iofcea futuristische Gegenstände – und greift dabei zu Farbe und Pinsel: «Ich male, um die Möglichkeiten der Zukunft spürbar zu machen.» Er skizziert mit Bleistift, trägt Schicht für Schicht Ölfarben auf. Ein langsamer, analoger Prozess. «Das gibt mir Zeit zum Denken. Wir sind umgeben von immer mehr Daten und Informationen. Aber wir verstehen sie immer weniger. Verständnis erfordert Stille.»

Digitalisierung erst am Anfang

Iofcea bezeichnet sich als Zukunftsarchäologe. Er ist unabhängiger Zukunftsforscher, Mitgründer und Partner der Beratungsfirma parazeen Sculpting Futures und Co-Präsident von swissfuture, der über 50-jährigen wissenschaftlichen Vereinigung für Zukunftsforschung.

«Bevor ich Farbe auftrage, muss ich ein Bild vor Augen haben. Ganz ähnlich sollten wir uns vorstellen, wie unsere individuelle Zukunft aussieht.» Von der Zukunft aus könne man zurückblicken und sich fragen: «Was muss ich heute tun, um ans Ziel zu kommen?»

Für Iofcea steckt beispielsweise die Digitalisierung noch in den Kinderschuhen. «Irgendwann fragen wir uns wohl: Wieso hatten wir bloss Angst vor der KI?» Wir könnten die Entwicklung ja mitbestimmen und entscheiden, wie wir sie einsetzen wollen.

Empfinden wie niemand anders

So betrachtet zwingt uns die KI zur Selbstreflexion: Wer sind wir im Kern? Was macht uns einzigartig?

Iofcea erinnert sich an seine Kindheit: «Als ich mit meinem ersten Walkman aufkreuzte, hatte ich das Gefühl, der Einzige zu sein, der so etwas besitzt.»

«Meine Schulklasse war mein Vergleichshorizont. Heute ist es die ganze Welt. Wer durch die sozialen Medien scrollt, merkt schnell: Millionen haben dieselben Ideen.»

Markus Ifocea

«Wir sollten uns deshalb nicht darüber definieren, uns von anderen abzugrenzen, indem wir uns krampfhaft bemühen, aufzufallen und etwas Einzigartiges zu schaffen», sinniert Iofcea: «Unsere Einzigartigkeit liegt nicht in dem, was wir erfinden und besitzen, sondern darin, wie wir empfinden.»

Tschüss Bildschirm!

Wenn wir ein paar Jahrzehnte zurückblicken, schütteln wir schnell den Kopf. Ist es nicht absurd, dass Passagiere in Flugzeugen früher rauchten? Aus der Zukunft betrachtet, dürfte auch einiges aus unserer Gegenwart bizarr wirken.

Markus Iofcea weiss schon was: «Wir sind verrückt nach Bildschirmen. Am Handy, im Auto und sogar in der Waschküche strahlen uns Displays an.» Vielleicht sei die KI unsere Chance, davon wegzukommen. Eine kluge Waschmaschine der Zukunft müsste die Wünsche ihrer Nutzerinnen und Nutzer kennen. Der Bildschirm mit den vielen Optionen, die man wählen muss, erübrige sich dann.

«Gute Technologien sind unsichtbar», sagt Iofcea. «Sie sind so selbstverständlich wie Elektrizität. Wir denken auch nicht ständig darüber nach, dass Strom aus der Steckdose fliesst.»

Markus Ifocea

Scherben der Zukunft

Als Markus Iofcea den Schritt in die Zukunftsforschung wagte, schaute er sich alle Methoden unvoreingenommen an. Schliesslich schob er sie beiseite und entwickelte einen neuen Ansatz: «Wir können die Zukunft ähnlich erkunden wie die Vergangenheit», erzählt er. Archäologen rekonstruieren aus Tonscherben ganze Lebenswelten. So sagte er sich: «Wenn ich Fragmente der Zukunft hätte, könnte ich diese untersuchen und mir die Umwelt dazu ausmalen.»

Wo finden sich «Zukunftsartefakte»? Iofcea stellt sie selbst her. «Wenn ich ein Fundstück der Zukunft auf den Tisch lege, beobachte ich, wie die Menschen reagieren – begeistert, neugierig oder ängstlich», schmunzelt er. «Das schafft man mit keiner theoretischen Studie!» Dann greift er wieder zum Pinsel. Er malt das nächste Bild, das vielleicht erst in ein paar Jahrzehnten verstanden wird.

Markus Iofcea studierte Informatik- und Kommunikationswissenschaft und arbeitete im Silicon Valley wie in der Schweiz. Er ist als Zukunftsarchäologe mit mehreren Firmen unterwegs und Co-Präsident von swissfuture, der Schweizer Vereinigung für Zukunftsforschung.