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«Lettering gibt Worten Gewicht»

Pasta, Zahnpasta, Licht: Der Lettering-Künstler Stefan Kunz (34) greift manchmal zu ungewöhnlichen Mitteln, um seine einzigartigen Botschaften mit Buchstaben zu kreieren. Das kommt gut an – ihm folgen über 2,1 Millionen Menschen auf seinen Social-Media-Kanälen. Was ist sein Erfolgsgeheimnis?

Be unique

In der aktuellen Ausgabe unseres Magazins blu zeigen wir, was Einzigartigkeit ausmacht – bei uns Menschen, in der Schweiz und bei der Bank Cler.

Lettering bedeutet, kunstvoll Worte zu zeichnen. Welches Wort stand an deinem Anfang?

Der Buchstabe A! Ich habe schon als Kind gezeichnet, Blatt und Stift immer in der Nähe gehabt. Mit zwölf Jahren besuchte ich einen Kalligrafie-Workshop meines Onkels. Der gelernte Steinmetz sprach wenig. Umso spannender war, wie er die Worte auf Papier schwang.

Wie wurdest du zum Lettering-Star?

Als Maturaarbeit lieferte ich ein Musikvideo ab. Ich konnte mir vorstellen, Regisseur zu werden, doch dafür hätte ich nach Berlin, Los Angeles oder New York ziehen müssen. Im Vorkurs der Schule für Gestaltung in Biel sah ich eine Alternative. Danach wechselte ich für ein Allroundpraktikum und ein zweijähriges Förderprogramm zu UBS. Nebst Backoffice und Trading begann ich in der Freizeit, Teams und Communities aufzubauen. Dennoch vermisste ich die Kreativität. Ich kündigte und startete 2016 eine «100 day creative challenge» in Lettering.

Wie kann man sich diese vorstellen?

Ich schrieb mit Pasta, Zahnpasta, in Schnee hinein, mit Licht respektive Taschenlampe bei Langzeitbelichtung. Jeden Tag postete ich ein gestaltetes Wort auf Instagram. Meine Seite wuchs erstaunlich: täglich kamen 200 Follower hinzu. Als ehemaliger Banker rechnete ich in Excel: Was wäre bis Jahresende möglich? Danach folgten zusätzlich 100'000 Follower pro Jahr.

Wer besucht deine Instagram-Seiten und YouTube-Workshops?

Kreative und kreativ-interessierte Leute – auch solche, die Ermutigung suchen. Mein Motivationsspruch: «Create something today, even if it sucks.» Auf gut Deutsch: Erschaffe heute etwas, egal, wenn es Mist ist. Beim Lettering gestaltet oder zeichnet man ja Worte. Mir wurde bewusst, welche Kraft sie haben. So überlegte ich mir, welche Worte ich bei meiner Reichweite teilen möchte.

Nämlich?

Als Quelle offenbarte sich mir die Bibel. Auch nach über 2000 Jahren sind viele Worte hochaktuell und voller Weisheit: «Don’t be afraid», habe keine Angst. «Don’t worry. Mach dir keine Sorgen». Es tut gut, solche Glaubenssätze zu lesen – gerade in turbulenten Zeiten wie heute.

Wie entwickelt man inmitten digitaler Fluten Einzigartigkeit?

Jeder Mensch ist einzigartig und formt seinen Ausdruck auch unbewusst. Je besser die Inspirationsquellen sind, desto spannender wird’s. Ausstellungen, Landschaften, Bücher: Aus den Inspirations-Ressourcen kann man mit den eigenen Fähigkeiten etwas Einzigartiges bilden.

Welche Werkzeuge sind hilfreich?

Wir haben Zugriff auf alle möglichen Tools. Ich kenne aber gute Designer, die bis zum letzten Strich alles auf Papier machen. Andere starten direkt digital.

Was ist mit künstlicher Intelligenz?

KI als Teil des Kreativprozesses finde ich okay. Ich habe aber am meisten Spass, wenn ich selbst etwas kreiere, meine eigenen Ideen umsetze.

Gibt es Vorbilder?

Da nenne ich mal drei von Hunderten: Alexis Taïeb vom Studio Tyrsa aus Paris, der Logos bis zuletzt auf Papier entwickelt, mitunter für Carhartt und Dior. Gemma O’Brian aus Sydney, die auf klassische Art farbige komplexe Flächen füllt. Neuerdings gebe ich zudem Animationskurse. Da überrascht mich auch Mat Voyce aus Grossbritannien immer wieder mit neuen Animationen und Konzepten.

Du hast aber mehr Follower als sie …

…weil ich bessere Social-Media-Inhalte generiere.

Zudem wirkst du auch auf analogen Flächen wie beim Flughafen Zürich.

Ja, dort gestaltete ich ein riesiges Fassadenplakat mit einem Matterhorn aus Wörtern, welche die Schweiz ausmachen. Ein Traum von mir ist, ein Flugzeug zu beschriften. Ich liebe das Fliegen, möchte ständig in der Luft sein, 24 Stunden nach Australien und gleich wieder zurück – das wären Ferien für mich!

Zwischendurch besuchst du einen Hochsicherheitstrakt im Gefängnis in Biel.

Im Gefängnishof Biel gestaltete ich eine Wand mit Insassen. Sie schrieben ihre Hoffnungen hin. Einzelne Worte können viel bewirken: Wenn man jeden Tag «Hope» erblickt, stimuliert das. Zudem lesen die Insassen die Hoffnungen anderer. So nimmt das Wort mehr und mehr Raum im Leben ein. Mir gefällt darum auch das internationale Projekt «Hope Walls» – an verschiedensten Orten können Hoffnungswände entstehen.

Stefan Kunz hat eine Karriere als Banker gestartet – und ist dann zur Kunst gewechselt. Heute zählt der Zürcher zu den bekanntesten Lettering-Artisten der Welt.