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Marktausblick

Die USA zwischen Vormacht und Herausforderung

In den vergangenen Jahren ist die geopolitische Vormachtstellung der USA unter Druck geraten, weil neue Machtzentren entstehen und Rivalen wie China an Einfluss gewinnen. Gleichzeitig sind die USA innenpolitisch geschwächt und verlieren international an Rückhalt. Zahlreiche Beobachter sehen darin bereits den Übergang zu einer multipolaren Welt. Doch eine genauere Analyse zeigt: Die Welt ist von einer Balance mehrerer gleich starker Pole weit entfernt. Insbesondere militärisch bleiben die USA der mit Abstand stärkste Machtpol. Wirtschaftlich ist das Bild differenzierter. Gleichwohl sollten Anlegerinnen und Anleger die geostrategischen Entwicklungen und Verschiebungen sehr genau beobachten und im Anlageprozess berücksichtigen.

Die Vereinigten Staaten können ihre machtpolitische Überlegenheit behaupten.

Brigitta Lehr, Finanzanalystin
Dr. Sandro Merino, Chief Investment Officer


Nach dem Ende des Kalten Krieges standen die USA mit ihrer liberalen Wirtschaftsordnung unangefochten als alleinige globale Führungsmacht da. Durch die Konflikte im Nahen Osten, den damit erstarkenden Islamismus und die Terroranschläge im September 2001 erwiesen sich die Vereinigten Staaten jedoch als verwundbar. Der anschliessende War on Terror endete 20 Jahre später ohne einen nachhaltigen Frieden mit dem überstürzten Abzug aus Afghanistan. Auch die Finanzkrise 2008 mit ihren globalen Auswirkungen beschädigte das Ansehen und den Glauben an die Überlegenheit des liberalen Wirtschaftssystems der USA. Gleichzeitig legte China eine rasante Entwicklung hin und geriert sich als ernsthafter Konkurrent um die globale Vormachtstellung der Vereinigten Staaten, während Europa sich in die Zange genommen sieht. Andere Länder und Regionen kämpfen ebenfalls um Ressourcen, Macht und Einfluss in der Welt. Wie ist es also um die internationale Weltordnung und die Vormachtstellung der USA bestellt?

Was einen Machtpol ausmacht

Geostrategische Polarität beschreibt die Prägung des internationalen Systems durch Machtpole, deren Anzahl sowie ihr Verhältnis zueinander. Allein eine grosse Fläche oder grosse Bevölkerung, manchmal noch gepaart mit historischer Grandeur, küren kein Land zur Grossmacht. Vielmehr umfassen die Dimensionen eines Machtpols in der internationalen Weltordnung vor allem die harten Faktoren der militärischen und wirtschaftlichen Stärke, aber auch weiche Indikatoren wie Innovationsfähigkeit, Bildung, Systemstabilität, kulturellen sowie diplomatischen Einfluss. Keine dieser Grössen ist allein entscheidend. In ihrer Kombination zeigen sie, ob ein Machtpol an Gewicht gewinnt, stagniert oder an relativer Bedeutung verliert. Fragen zur Polarität sollten deshalb auch empirisch gestellt werden: Wer verfügt über welche Mittel, wer kann sie mobilisieren und wer kann daraus dauerhaft Einfluss ableiten?

Mehr Machtzentren, aber kein Gleichgewicht

Die Welt ist seit dem Ende des Kalten Kriegs multipolarer geworden, die Entwicklungen sollten aber differenziert betrachtet werden. China hat stark aufgeholt und ist ins Zentrum der Weltwirtschaft und der geopolitischen Debatte vorgestossen. Europa hat dagegen in wichtigen relativen Kennzahlen an Gewicht verloren. Die USA wiederum haben Einbussen in ihrer unangefochtenen Vormacht hinnehmen müssen, aber ihre Sonderstellung nicht verloren. Die Welt ist also nicht einfach postamerikanisch geworden. Vielmehr hat die amerikanische Dominanz Risse bekommen, ohne dass bereits eine ausgewogene Ordnung mehrerer gleich starker Pole entstanden wäre.

Die militärische Vormacht der USA hält an

Als massgebliche Grösse zur Ausübung von weltpolitischem Einfluss gilt zunächst die militärische Stärke. Misst man diese etwa anhand der globalen Anteile an Armeeangehörigen, Militärausgaben und Atomsprengköpfen, ergibt sich ein klares Bild (siehe Abbildung 1).

Quellen:
1
World Bank – The Military Balance/International Institute for Strategic Studies;
2 SIPRI (Stockholm International Peace Research Institute);
3 Our World in Data/Federation of American Scientists

Die USA führen bei Ausrüstung, globaler Projektion und nuklearem Abschreckungspotenzial mit erheblichem Abstand. Daran hat sich seit dem Ende des Kalten Krieges weniger geändert, als die Rede von der multipolaren Welt vermuten lässt. China wiederum hat seine militärischen Kapazitäten sichtbar ausgebaut. Das ist geopolitisch hochrelevant, vor allem im indopazifischen Raum. Dennoch vermag China die US-amerikanische Dominanz militärisch bislang nicht grundsätzlich infrage zu stellen. Die grossen europäischen NATO-Staaten haben relativ an Gewicht eingebüsst, auch weil ihre Kräfte national fragmentiert bleiben. Russland bleibt militärisch gefährlich, seine Rolle als Machtpol stützt sich heute vor allem auf sein Atom­ waffenarsenal. Von einer militärisch ausbalancierten multipolaren Ordnung kann daher keine Rede sein.

Chinas Aufstieg verändert die Weltwirtschaft

Auch mit wirtschaftlicher Stärke lässt sich Macht wirksam ausüben. Sanktionen, Exportkontrollen, Zölle oder der privilegierte Zugang zu Finanzierungs- und Zahlungs­ systemen werden als Instrumente zur Durchsetzung politischer Interessen genutzt. Zur Messung wirtschaftlicher Stärke sind der Anteil am globalen Bruttoinlandprodukt (BIP), der Anteil am Welthandel, der Anteil an der Weltbevölkerung und die internationale Rolle der eigenen Währung naheliegende Grössen (siehe Abbildung 2).

Quellen:
¹ World Bank World Development Indicators;
² UN World Population Prospects 2024;
³ IWF COFER Über die Hälfte des Handelsvolumens in der EU entfällt auf EU-Partnerländer

Hier sind die Verschiebungen am deutlichsten. So hat China seine wirtschaftliche Bedeutung dank des Wachstums von Wirtschaftsleistung und Handel markant ausgebaut und sich als ernsthafter Rivale etabliert. Zugleich werfen die demografischen Perspektiven einen Schatten auf die langfristige Entwicklung. Der sinkende Anteil an der Weltbevölkerung resultiert aus der früheren Ein-Kind-Politik und dem raschen Altern der Gesellschaft. Russlands wirtschaftliche Rolle ist unbedeutender geworden. Auch Europa hat bei Handel und Wirtschaftsleistung relativ deutlich an Boden verloren und gerät zunehmend unter Konkurrenzdruck aus den USA und China. Die Vereinigten Staaten haben ihre Stellung als stärkste einzelne Wirtschaftsmacht weitgehend behauptet. Vor allem die Dominanz des US-Dollar im internationalen Finanz- und Zahlungssystem ist ein entscheidender Machtfaktor und derzeit nicht ernsthaft gefährdet. Innovationskraft und institutionelle Stärke im Vergleich Am schwierigsten zu erfassen und nur indirekt messbar sind die weichen Machtfaktoren. Dazu zählen Innovationsfähigkeit, Bildung, institutionelle Qualität, Systemstabilität, kulturelle Ausstrahlung und diplomatischer Einfluss. Legt man den Massstab für Innovationskraft an den Anteil an den globalen Ausgaben für Forschung und Entwicklung sowie die Präsenz unter den Top-200-Universitäten, dann hat China stark aufgeholt (siehe Abbildung 3).

Quellen:
¹ World Bank World Development Indicators;
² THE – Times Higher Education: World University Rankings

Dennoch wird die amerikanische Überlegenheit in zentralen qualitativen Dimensionen bislang nicht ernsthaft infrage gestellt. Die USA profitieren von einem dichten Geflecht aus Spitzenuniversitäten, Forschungseinrichtungen, Kapitalmarktfinanzierung, Skalierungsfähigkeit und technologischen Clustern. Europa verfügt in einzelnen Bereichen über Stärken, verliert aber an relativer Zentralität. Russland spielt in dieser Dimension keine ernst zu nehmende Rolle. Bei weiteren Erhebungen weicher Faktoren, die beispielsweise über Korruptionskontrolle, Pressefreiheit, Rechtssicherheit und demokratische Entscheidungsprozesse die Systemstabilität adressieren, zeigen die USA ein weniger überzeugendes Bild als früher (siehe Abbildung 4).

Quellen:
¹ Reporter ohne Grenzen; ² worldjusticeproject.org; ³ Our World in Data/V-Dem; ⁴ World Bank World Governance Indicators.
¹ bis ³ Indexwerte, ⁴ Ranking – auf 0–100% normiert.

Europa hat seine Position hier besser gehalten und liegt teilweise vor den USA, während Russland stark zurückgefallen ist und China auf vergleichsweise tiefem Niveau verharrt.

Unter Druck, aber weiterführend

Zusammenfassend leiten wir aus unseren Daten ab, dass die Vereinigten Staaten ihre machtpolitische Überlegenheit behaupten können. China hat seine Position deutlich verbessert, Europa steht unter Druck, und Russland bleibt im Wesentlichen eine nuklear gestützte Störmacht. Die Rede vom amerikanischen Niedergang greift zu kurz. Richtig ist, dass die USA verwundbarer wirken als noch in den 1990er-Jahren. Ebenso richtig ist aber, dass sie in mehreren Schlüsselbereichen ihre Sonderstellung behalten haben: im Militärischen, im Dollar-System, in der Tiefe und der Attraktivität ihrer Kapitalmärkte, in der globalen Reichweite ihrer Allianzen und in der Fähigkeit, Innovation zu finanzieren und zu standardisieren.

Europa und die Schweiz in einer Welt grösserer Rivalität

Für Europa ist diese Entwicklung besonders herausfordernd. Der Kontinent bleibt wirtschaftlich bedeutend, in technologischen Nischen stark und politisch ein wichtiger Normsetzer. Doch wirtschaftliche Grösse allein genügt nicht mehr. In einer Welt grösserer Rivalität zählen auch sicherheitspolitische Geschlossenheit, Kapitalmarkttiefe, Energieverfügbarkeit, industrielle Skalierung und strategische Entscheidungsfähigkeit. Gerade hier zeigt Europa Schwächen. Für die Schweiz stellt sich die Lage anders dar. Sie muss kein eigener Machtpol sein, aber sie muss ihr Erfolgsmodell in einem härteren Umfeld absichern. Offenheit, Verlässlichkeit, Innovationskraft, starke Institutionen und ein vertrauensbasierter Finanzplatz bleiben ihre zentralen Stärken. Resilienz gewinnt an Gewicht: bei Energie, Cyberrisiken, kritischer Infrastruktur, Exportkontrollen und Sanktionsumsetzung. Europa bleibt der wichtigste wirtschaftliche und politische Referenzraum der Schweiz. Den USA kommt in den Bereichen Sicherheit, Technologie, Kapitalmärkte und Innovationsdynamik entscheidende Bedeutung zu. Für die Schweiz ist es am sinnvollsten, sich klar an Europa zu orientieren und gleichzeitig gute Beziehungen zu den USA zu pflegen – statt unentschlossen zu bleiben oder plötzlich die Richtung zu ändern.

Schlussfolgerungen für Anlegerinnen und Anleger

Für Anlegerinnen und Anleger bedeutet eine multipolarere Welt nicht das Ende globaler Diversifikation, aber sie erschwert sie. Handel, Technologie, Zahlungsverkehr und Kapitalflüsse sind politisch exponierter geworden. Sanktionen, Exportkontrollen, Zölle, Industriesubventionen oder militärische Eskalationen wirken sich direkter auf Bewertungen und Risikoprämien aus als in der Phase weitgehend entpolitisierter Globalisierung. Gerade deshalb ist Vorsicht gegenüber einfachen Schlagworten geboten. Der Aufstieg Chinas ist real, aber daraus folgt nicht automatisch eine strukturelle Abwertung der USA. Wer Multipolarität vorschnell als Argument für eine deutliche Untergewichtung von US-Anlagen (siehe auch Artikel: «US-Aktienmarkt: Entscheidende Kriterien für den langfristigen Anlageerfolg», ab Seite 26) versteht, unterschätzt womöglich die anhaltende Stärke von US-amerikanischen Kapitalmärkten, Technologieclustern, Allianzen und dem Dollar-System. Sinnvoll erscheint weiterhin eine signifikante Diversifikation in US-Anlagen, ergänzt durch europäische Exponierung dort, wo politischer Nachholbedarf interessante Anlageperspektiven eröffnet. Aus schweizerischer Perspektive gewinnen zudem Währungs- und Stabilitätsfragen an Bedeutung. In einer geostrategisch gefährlicheren Welt sollte man bei Anlageopportunitäten zunehmend auch auf Rechtssicherheit, Finanzierungsqualität, Liquidität und institutionelle Robustheit achten. Für Anlegerinnen und Anleger, die den Schweizer Franken als ihre Referenzwährung betrachten, sind die Hürden für eine überzeugte internationale Diversifikation eher höher geworden. Dennoch bleibt eine durchdachte internationale Allokation in unseren Anlagestrategien ein zentrales Element.


Literaturverweise

  • Stephen G. Brooks, William C. Wohlforth, The Myth of Multipolarity, in: Foreign Affairs, May/June 2023
  • Mario Draghi, The Future of European Competitiveness, European Commission 2024
  • Tobias Bunde, Sophie Eisentraut, Leonard Schütte (Hrsg.), Munich Security Report 2025: Multipolarization, Munich Security Conference 2025
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