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«Bis 2030 hat jedes verkaufte Auto einen Stecker»

Als Elon Musk noch die Schulbank drückte, tüftelte Josef Brusa schon an Elektroautos. Anfänglich belächelt, steckt heute in jedem Elektroauto etwas von BRUSA-Elektronik AG. Im Interview verrät der Verwaltungsratspräsident von BRUSA, warum kein Weg an der Elektromobilität vorbeiführt.

Foto: sagbar, sagbar.ch

Herr Brusa, hatten Sie eigentlich früher «Benzin im Blut»?

Nein. Als Kind spielte ich mit meinen Freunden manchmal mit einem Auto-Quartett. Aber Autos interessierten mich nicht, bis ich 18 Jahre alt war. In Sachen Mobilität prägte mich mein Grossvater. Er fuhr immer mit dem Militärvelo zur Arbeit, von Baustelle zu Baustelle. Und am Samstag putze er es. Während des Zweiten Weltkrieges musste er die Reifen mit allen Mitteln flicken, denn es gab keine Ersatzteile. So fiel mir auf, dass das Velo für meinen Grossvater das wichtigste Transportmittel war. Ein Auto besass er nie. Später kaufte er auch für uns Fahrräder.

Für die erste Tour de Sol 1985 konstruierten Sie einen solarbetriebenen Rennwagen und fuhren damit von Romanshorn nach Genf. Was hat Ihre Begeisterung für Solarautos ausgelöst?

Die Ölkrise in den 1970er Jahren hat mir vor Augen geführt, wie wir von Ölimporten abhängig sind. Bücher wie «Die Grenzen des Wachstums» vom Club of Rome und die Studie «Global 2000» des damaligen US-Präsidenten Jimmy Carter sagten unsere heutigen Umweltprobleme voraus. Als Ingenieur wollte ich zu nachhaltigen Lösungen beitragen. Zunächst setzte ich auf die Solarenergie. Mit anderen zusammen entwickelte ich das Solarfahrrad SOFA. Schliesslich entwickelte ich verschiedenste Solargeräte und kam mit den Veranstaltern der Tour de Sol in Kontakt. Es handelte sich um das erste Rennen für solarbetriebene Fahrzeuge.

Haben Sie Ihr Startup wie Steve Jobs und andere in einer Garage gegründet?

Es war keine Garage, sondern ein Kinderzimmer und später ein alter, umgebauter Stall. Aber zu Beginn meiner Berufskarriere entschloss ich mich für ein 60-Prozent-Pensum. Denn ich wollte mich nebenbei meinen Herzensprojekten widmen können, eben zum Beispiel dem SOFA. Als die Tour de Sol startete, hängte ich meinen Brotjob ganz an den Nagel. Ich war damals 27 Jahre alt und sagte mir: «Wenn die Selbständigkeit nicht funktioniert, finde ich schnell wieder eine Stelle.» Mit meinen späteren Mitarbeitenden vereinbarte ich, dass wir uns die Hälfte als Lohn auszahlen und die andere im Geschäft lassen. Darum ging uns das Kapital nicht aus – und die Mitarbeitenden konnten ihre Anteile später in Aktien umwandeln.

Aus BRUSA ist eine weltweite Erfolgsgeschichte geworden. Aber die Solarautos haben sich nicht durchgesetzt.

Es kommt darauf an, wie wir ein «Solarauto» definieren. Autos mit Solarzellen auf dem Dach sind nicht praktikabel. Das haben wir bereits in den 1980er-Jahren erkannt. Obwohl wir heute über viel effizientere Solarzellen verfügen, genügen diese noch nicht, um damit ein Auto zu bewegen. Zudem parkt wohl jeder lieber in der Tiefgarage als unter der prallen Sonne. Solarzellen gehören nicht aufs Autodach, sondern aufs Hausdach. Mit diesem Solarstrom lässt sich dann ein Auto laden. Der übrige Solarstrom kann anderweitig genutzt werden.

Gehen Sie da mit gutem Beispiel voran?

Ja, ich lade mein E-Auto mit Solarstrom. Wer ein Einfamilienhaus besitzt, sollte drei Dinge in Betracht ziehen: eine Wärmepumpe, das Dach mit Solarzellen füllen und ein Elektroauto nutzen. Schade finde ich, wenn Leute eine Solaranlage bauen – und dann ein Dieselauto kaufen.

Wie sind Sie auf den Elektroantrieb gekommen?

Von Beginn weg wollte ich dazu beitragen, dass wir unsere Abhängigkeit vom Öl reduzieren. Die Mobilität macht einen Drittel des Erdölverbrauchs aus. Und ein Auto mit Verbrennungsmotor bringt weniger als 20 Prozent der zugeführten Energie auf die Strasse. Diesen Wirkungsgrad wollte ich verfünffachen. Möglich ist das nur mit einem Elektromotor.

Heute steckt in jedem Elektroauto auch Know-how von BRUSA. Woran forscht das Unternehmen aktuell?

Von Beginn weg beschäftigten wir uns mit allen Energiewandlern im Elektroauto. Inzwischen haben wir dies in einzelne Bereiche aufgeteilt. Vereinfacht gesagt in Fahren, Laden und Umwandeln. Unsere Investoren schätzen diesen klaren Fokus. Wir produzieren alles, wo in einem Fahrzeug viel Strom durchfliesst und elektrische Energie umgewandelt wird. Unter anderem haben wir die weltweit erste Zulassung für ein Induktionsladegerät für E-Autos erhalten. Fahrzeuge sind zu 95 Prozent parkiert. Wir bieten beispielsweise eine Bodenplatte, die als Ladegerät dient. Man parkiert das Auto – und schon wird es geladen. Ohne Kabel, ohne Aufwand. Momentan arbeiten bei uns etwa 100 Leute daran, die Leistungsfähigkeit dieses Ladegeräts zu verbessern und es damit günstiger zu machen.

Schauen wir die jüngsten Zahlen an, scheint sich der Trend zu Elektroautos zu verlangsamen. Wie beurteilen Sie das?

In den 2000er Jahren spotteten die Medien, dass Elektroautos Ladenhüter blieben. Der Absatz harzte angeblich. Im Rückblick stellen wir seither ein jährliches zweistelliges Wachstum fest. Aber viele Medien behaupten immer noch, dass sich Elektroautos nie durchsetzen würden. Dabei hat sich die Zahl der E-Autos verhundertfacht. Und der Megatrend wird sich fortsetzen. Bis 2030 werden 60 bis 70 Millionen elektrische Autos verkauft – das entspricht dem heutigen Gesamtabsatz von Autos. Oder sie haben als Plug-in Hybrid zumindest einen Stecker. Selbst wenn es etwas länger dauert, ändert das nichts am Gesamtszenario.

In der Schweiz hatte 2023 jedes vierte verkaufte Auto einen Elektroantrieb. Aber viele schrecken vor dem Kauf zurück: Sie befürchten, sie würden auf halber Strecke stehen bleiben ...

Die Reichweiten sind bei Elektroautos schon lange kein Problem mehr. Umso weniger, als Statistiken zeigen, dass die meisten Menschen im Schnitt sowieso nur 30 Kilometer am Tag fahren. Entscheidend ist vielmehr das Ladenetz. Ein Kernproblem besteht darin, dass es bei vielen Wohnungen schwierig ist, Ladestationen einzurichten. Und zwar nicht aus technischen, sondern aus administrativen Gründen.

«Wenn wir in 30 Jahren ausschliesslich erneuerbare Energien nutzen wollen, müssen wir Photovoltaik und Windenergie ausbauen, Wärmepumpen fördern und Elektroautos auf die Strasse bringen.»

Motorbaulegenden wie Fritz Indra bezweifeln die positive Umweltbilanz von Elektroautos. Nicht zuletzt wegen der Lithium-Batterien. Was entgegnen Sie da?

Diese Argumente basieren auf relativ alten Studien und der Annahme, dass viel Kohlestrom im Netz ist. Doch die Batterieentwicklung schreitet rasant voran und der Anteil des Kohlestroms ist rückläufig. Für mich ist nicht massgebend, wo wir heute stehen, sondern wohin wir uns entwickeln können. Wenn wir in 30 Jahren ausschliesslich erneuerbare Energien nutzen wollen, müssen wir Photovoltaik und Windenergie ausbauen, Wärmepumpen fördern und Elektroautos auf die Strasse bringen. Diese vier Hebel müssen wir gleichzeitig in Bewegung setzen. Und das läuft nicht von einem auf den anderen Tag perfekt. Wollen wir das Netto-Nulll-Ziel 2050 erreichen, müssen wir heute durchstarten.

Welche Verbesserungen braucht das Elektroauto?

Das Elektroauto ist eigentlich fast perfekt. Es sollte aber noch erschwinglicher werden. Und wir brauchen auch kleinere Modelle – obwohl die Gewinnmargen für die Autohersteller bei grösseren Autos grösser sind. In diesem und im nächsten Jahr kommen viele kleinere und günstigere Modelle auf den Markt.

Foto: sagbar, sagbar.ch

Was halten Sie von den anderen Zukunftstechnologien wie dem Wasserstoffauto und E-Fuel?

Vereinfacht gesagt: nichts. Weltweit stammt erst etwa 20 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen. Der Stromverbrauch in der Schweiz beträgt etwa 60 Terawattstunden (TWh) pro Jahr. Würden wir alle Autos elektrisch betreiben, kämen nochmals 20 TWh dazu, was 80 TWh ergäbe. Ersetzen wir zusätzlich alle Ölheizungen durch Wärmepumpen, kommen wir auf 100 TWh. Wasserstoffautos sind dreimal weniger effizient als Elektroautos. Stellen wir statt auf Elektro- auf Wasserstoffvehikel um, steigt unser Verbrauch – inklusive Wärmepumpen – auf 140 TWh. Noch schlechter sieht es bei E-Fuel-Autos aus. Damit wären wir bei 180 TWh. Wenn der nachhaltige Strom schon jetzt knapp ist, wieso sollten wir auf solche ineffizienten und teuren Technologien wechseln?

Toyota setzt nach wie vor auch auf Wasserstoffautos.

Mittlerweile hat auch Toyota durchblicken lassen, dass sie sich etwas verrannt haben. E-Fuels könnten theoretisch für die Luftfahrt eine Option sein. Wenn wir in der Schweiz alle Flugzeuge mit E-Fuel betanken möchten, kämen aber weitere 100 TWh dazu – das entspricht dem Stromverbrauch unseres ganzes Landes. Das ist nicht machbar.

Die grossen Meeresschiffe sind noch grössere Drecksschleudern als Flugzeuge, nicht wahr?

Man muss unterscheiden: Sie stossen weniger CO2 aus. Aber Schiffe verschleudern so viele schmutzige Abgase wie ein ganzes Land. Gut, dass sich Verbesserungen abzeichnen. Norwegen lässt etwa gewisse Schiffe nicht mehr in ihre Fjorde. Ausserdem unterstützen wir auch einen Reeder-Kunden dabei, für die Bordversorgung abgasfrei Strom zu erzeugen, wenn das Schiff im Hafen liegt.

Braucht die Energiewende auch Schützenhilfe vom Staat?

Ja. Mit dem Verband Swiss eMobility versuchen wir, die Gesetzgebung zu beeinflussen. So haben wir uns zum Beispiel dafür eingesetzt, dass bei der Schaffung neuer Parkplätze zumindest ein Leerrohr vorhanden sein muss, damit man später ein Kabel für Elektoautos durchziehen kann. Ausserdem kämpfen wir dafür, dass man nicht jede Wattstunde an jeder Ecke messen muss. Die Administration soll einfach bleiben. Aber eines vergessen wir oft: Viele Errungenschaften basieren auf staatlichen Subventionen, auch das Smartphone. Die darin enthaltene Technologie wurde an Hochschulen und in Forschungsprojekten entwickelt. Apple-Gründer Steve Jobs hat diese nicht erfunden, sondern smart zusammengestellt. Eine zentrale Aufgabe des Staates besteht darin, früh zu erkennen, was für eine Gesellschaft wichtig sein könnte – und Fortschritte in diesen Bereichen voranzutreiben. Ein guter Staat muss mindestens im Zehn-Jahres-Rhythmus denken.

Staaten wie China und Singapur planen sehr langfristig.

Genau. China ist darum in vielen Bereichen viel schneller und zielgerichteter unterwegs als wir.

Reicht es, wenn wir alle auf Elektromobilität umsteigen – oder müssten wir eher einen Gang runterschalten?

Wir müssen nicht unbedingt auf Wohlstand verzichten, aber wir müssen unser Leben intelligenter organisieren. Ein erster Schritt wäre, über unsere Mobilität nachzudenken. Welche Mobilität brauchen wir wirklich? Wer Strassen baut, erntet Verkehr – das gilt heute wie vor 40 Jahren. Auch neue Arbeitsmodelle wie Homeoffice beeinflussen die Mobilitätsbedürfnisse. Aber was den Individualverkehr betrifft, wird dieser sicherlich elektrisch sein.

Wo steht die Schweiz bezüglich Ökologie und Ökonomie bis 2030?

Wahrscheinlich werden wir den Anteil erneuerbarer Energien wie Sonne- und Windenergie von heute 10 auf etwa 20 bis 25 Prozent steigern. Dazu kommt noch die Wasserkraft. Sie macht bereits 60 Prozent im Energiemix aus. Bis 2030 dürfte zudem jedes verkaufte Auto einen Stecker haben. Vor 10 Jahren prognostizierte ich, dass dies bis 2025 der Fall sei. Es werden voraussichtlich gut 50 Prozent sein, also nur ein Faktor zwei daneben. Das bedeutet für mich eine Punktlandung. Es dauert nur noch zwei, drei Jahre länger. Auch Wärmepumpen werden im Aufwind sein. Bis 2030 dürfte es keine Neubauten mehr mit fossilen Heizungen geben. Alles bewegt sich in die richtige Richtung, aber wir sind noch nicht am Ziel. Vor allem dürfte bis dahin ein Umdenken stattfinden. Die Menschen werden verstehen, dass die Veränderungen kein Nachteil, sondern eher ein Vorteil sind. Wenn ich mit Energie vom Dach heizen und dazu noch Auto fahren kann, bedeutet das mehr Lebensqualität.

Apropos Lebensqualität: Sie treten auch für ein bedingungsloses Grundeinkommen ein. Wieso?

Wir brauchen ein verändertes Verständnis von Wirtschaft und Gesellschaft, damit der ökologische Wandel gelingt. Dazu müssen wir aus der Wirtschaftswachstumsfalls ausbrechen. Ein Beispiel: Ich brauche nicht drei Handys, eines genügt mir. Wir müssen aufhören, in «Arbeitsplätzen» zu denken. Wir brauchen nicht für alle einen 100-Prozent-Arbeitsplatz, sondern eine sichergestellte Grundversorgung. Der Kapitalismus hat einen Systemfehler: Der Schnellere gewinnt, aber sobald er aufhört zu rennen, verliert auch er. Also müssen alle immer noch schneller rennen, obwohl wir längst am Ziel sind. Ich bin gegen das Giesskannenprinzip, aber für ein garantiertes Grundversorgungskonzept, wie es zum Beispiel der Wirtschaftsprofessor Thomas Straubhaar in seinem Buch «Grundeinkommen jetzt» vorschlägt. Mir schwebt nicht vor, dass wir alle zuhause herumhängen, sondern, dass wir weniger für Lohn arbeiten müssen. Wohlstand heisst, mehr Zeit – nicht mehr Geld.

E-Auto-Pionier

Seit der ersten Tour de Sol 1985 setzte der Ingenieur Josef Brusa aus Sennwald im Rheintal auf Elektroauto. Daraus ist ein führender Zulieferer für die Autoindustrie geworden.