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Marktausblick

Negativzinsen: Der Anfang vom Ende?

CIO Kommentar, Montag, 07. Februar 2022

Dr. Sandro Merino, Chief Investment Officer

Die Botschaft der Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), Christine Lagarde, anlässlich der Sitzung vom 3. Februar hat für viel Aufsehen gesorgt. Noch im Dezember hatte sie trotz einem Inflationsimpuls von 5% eine Zinserhöhung in diesem Jahr als sehr unwahrscheinlich abgetan. Nachdem die Inflation in der Eurozone im Januar nicht gefallen, sondern sogar leicht auf 5,1% gestiegen ist, hat sie am 3. Februar ihr früheres Statement deutlich relativiert.

Die EZB macht die Zinspolitik nun von der weiteren Entwicklung der Inflation in diesem Jahr abhängig. Die oft wiederholte Zuversicht, dass der rasante Inflationsanstieg ein vorübergehendes Phänomen sei, ist offenbar etwas ins Wanken geraten. Auch die Zentralbanken scheinen zu rätseln, wie die Dynamik der Inflation für die künftigen Monate aussehen wird.

Die sogenannten Falken im EZB-Präsidium, die sich für höhere Zinsen einsetzen, scheinen jedenfalls derzeit an Einfluss zu gewinnen. Aber nicht genug der Überraschungen: Auch der US-Arbeitsmarkt hat, trotz Omikron und entgegen der meisten Prognosen, im Januar fast eine halbe Million neue Anstellungen erzeugt.

Auch die Zahlen für Dezember mussten deutlich nach oben revidiert werden. Die US-Arbeitslosigkeit bewegt sich damit mit 4% nicht weit von einem Vollbeschäftigungsniveau entfernt.

Übrigens: auch die Arbeitslosenrate für die Eurozone ist seit der Einführung des Euros um die Jahrtausendwende mit 7% gegenwärtig auf einem Rekordtief.

Aufgrund der robusten US-Arbeitsmarktdaten ist eine erste USD-Zinserhöhung um 0,25% im März wahrscheinlich. Etwa drei bis fünf weitere Zinsschritte werden bis Ende 2022 folgen. Über die genaue Zahl der 2022 zu erwartenden US-Zinsschritte wird an den Zinsmärkten derzeit heftig spekuliert.

Beispielsweise hat die Ankündigung der überraschend starken US-Arbeitsmarktzahlen den Zins für 10-jährige US-Staatsanleihen blitzartig um etwa 0,10% nach oben schnellen lassen. Auf der Richterskala der Zinshändler ein sehr starkes Beben. Trotz dieser unübersehbaren Signale, die für ein Umfeld mit höheren Zinsen sprechen, bleibt eine Zinsprognose bis Ende 2023 höchst unsicher. Die am Donnerstag erwarteten US-Inflationsdaten für Konsumentenpreise im Januar werden etwas mehr Licht auf den aktuellen Trend werfen.

Die Konjunkturerholung am erhofften und durchaus auch erwarteten Ende der Pandemie könnte von kurzer Dauer sein. Die chronische Wachstumsschwäche in der Eurozone und die demografischen Trends in den USA könnten schon 2023 wieder eine Konjunkturflaute auslösen. Ausserdem sind die geostrategischen Risiken mit der drohenden russischen Invasion in der Ukraine auch für die wirtschaftliche Erholung erheblich.

Nachdem China sich mit Russland einig geworden ist, dass eine weitere Osterweiterung der Nato nicht anzustreben sei, haben sich die Fronten im Ukraine-Konflikt, trotz diplomatischem Hochbetrieb, eher verhärtet. Dennoch wirkt die Aussicht auf eine mindestens teilweise Normalisierung der Zinslandschaft selten so greifbar wie in diesen Wochen. Auch unseren oft wiederholten Ratschlag, Hypotheken vorausblickend langfristig zu refinanzieren und nicht zögernd auf den allertiefsten Preis zu spekulieren, scheint sich derzeit als richtig zu erweisen.

Euro wieder etwas stärker

Nachdem der EUR/CHF aufgrund der in der Eurozone gegenüber der Schweiz viel höheren Inflation in Richtung 1.035 gefallen war, hat sich der Euro wieder erholt. Der Grund dafür sind die oben besprochenen veränderten geldpolitischen Signale der EZB. Der CHF/EUR-Wechselkurs liegt nun bei etwa 1.056 und damit schon leicht über unserer jüngst erstellten Prognose von 1.05. Dieser Trend könnte noch etwas anhalten, allerdings könnte auch die SNB schon bald in den Chor der EZB und Fed einstimmen und etwas lauter in Richtung Zinsnormalisierung kommunizieren. Solche Signale würden den Schweizer Franken dann bestimmt wieder stärken. Für 2022 zeichnet sich somit eine delikate Balance der Währungsstärken ab.

Heutige Marktentwicklung und Anlagestrategie

Die neue Woche beginnt an den Finanzmärkten kaum verändert. Der SMI und der DAX sind zum Freitag praktisch unverändert.

Für die US-Aktienindices wird nach den Gewinnen vom Freitag gegenwärtig ebenfalls mit einer wenig veränderten Eröffnung gerechnet (Stand ca. 11:30, 7.2.2022, Basel Zeit).

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