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Marktausblick

Wo bleibt der geldpolitische Konjunkturschock?

CIO Kommentar, Montag, 14. August 2023

Dr. Sandro Merino, Chief Investment Officer

Zustand der US-Wirtschaft

Die US-Notenbank hat am 26. Juli die Zinsen vermutlich ein, vorerst, letztes Mal um ein Viertelprozent erhöht. Der Leitzins für den USD liegt nun bei stattlichen 5.5%. Dies bei einer Inflation, die für den Monat Juli im Vergleich zum Vorjahresmonat bei «nur» noch 3.2% liegt. Trotz dieser rasanten Kadenz von Zinserhöhungen bleibt die US-Wirtschaft entgegen vieler düsterer Prognosen erstaunlich vital. Die jüngsten Konjunkturdaten sind nicht berauschend gut und die Wachstumserwartungen sind gering, dennoch verharrt die US-Arbeitslosenrate mit rund 3.5% hartnäckig auf einem Rekordtief. Dies stützt den privaten Konsum und auch der US-Dienstleistungssektor hält sich weiterhin auf expansivem Niveau. Der Zustand der US-Wirtschaft überrascht positiv, insbesondere wenn man bedenkt, wie noch vor zwei Jahren eine Straffung der Geldpolitik um gut 5% in ihren Auswirkungen auf die Wirtschaft durch die Finanzmärkte eingeordnet worden wäre.

Nun profitiert wer in der Tiefzinsphase vorgesorgt hat

Die Aktienmärkte haben tatsächlich im Jahr 2022 das damals schon drohende Zinsgewitter mit heftigen Verlusten von über 15% antizipiert. In diesem Jahr überwiegt aber bisher schönes Wetter an den Aktienmärkten. Entsprechen konnten in 2023 bei Aktien die Verluste aus dem Vorjahr signifikant, wenn auch nur teilweise aufgeholt werden. Dass sich die gesamtwirtschaftliche Lage besser als befürchtet darstellt, kann aber auch damit zusammenhängen, dass die Kosten höherer Zinsen noch kaum bei Unternehmen und Haushalten angekommen sind. Wer in der Tiefzinsphase vorgesorgt hat und lange Zinsbindungen für seine Hypotheken und Unternehmensdarlehen gewählt hat, kann noch einige Jahr von rekordtiefen Zinsen profitieren. Ausserdem werden auf Guthaben inzwischen auch Zinsen ausbezahlt.

Und wenn bald der Kredit fällig wird?
Insgesamt bedeutet dies, dass die Nettozinsbelastung, trotz Zinsschock, für viele vorerst sogar gefallen ist. Unweigerlich nagt aber der Zahn der Zeit an dieser komfortablen Situation. Bei Fälligkeit des Kredites oder der Hypothek muss nicht selten um ein Vielfaches teurer neu finanziert werden. Somit darf die derzeit, im Vergleich zu den Befürchtungen, freundliche Wetterlage nicht dazu verführen, die Risiken, die sich bei der längerfristigen Anwendung höherer Zinsen ergeben, zu übersehen. Ein mögliches positives Szenario wäre, dass es den Zentralbanken gelingt, die Preisstabilität wiederherzustellen und im Anschluss die Leitzinsen wieder senken zu können, bevor die höhere Zinslast Unternehmen, private Haushalte und auch Staatshaushalte gewichtig belasten. Nennen sie mich zu optimistisch, aber es macht den Eindruck als könnte dies den Zentralbanken, insbesondere der US-Fed sogar gelingen.

«Anlagetechnisch sollte man jedes gute Wetter zu nutzen suchen, was unsere seit dem 10. Oktober 2022 gehaltene Übergewichtung von Aktien erklärt.»
Dr. Sandro Merino, Chief Investment Officer

Seither hat sich der Schweizer Aktienindex SPI um immerhin etwa 12% erholt. Damit liegt er aktuell aber immer noch etwa 10% unter dem letzten Allzeithoch vom Januar 2022.

Preisstabilität in der Schweiz schon erreicht?

Was für die USA oben exemplarisch dargestellt wurde, gilt auch für die Schweiz, wenn auch mit deutlich weniger heftigen Zinsanpassungen und moderater Inflation. Mit einer Inflation die in der Schweiz für den Monat Juli mit 1.6% deutlich unter der Preisstabilitätsgrenze von 2% liegt, scheint die Schweizerische Nationalbank SNB das Ziel der Preisstabilität vordergründig schon erreicht zu haben. Im Warenkorb zur Messung der Teuerung sind Mietausgaben ein grosser Brocken, so dass eine weitere Anhebung der Zinsen und deren Weitergabe über Mietzinserhöhungen eine unerwünschte Rückkopplungsschlaufe er-zeugen könnte.

Ob bei einer jüngst etwas kühleren Schweizer Konjunktur die SNB die Zinsen am 21. September erneut um 0.25% auf 2% anheben wird, erscheint gegenwärtig unsicher. Aber so oder so, scheint in der Schweizer Zinslandschaft der Gipfel in der Nähe von 2% Leitzinsen erreicht worden zu sein.

Anlagestrategie: Beibehaltung der Übergewichtung bei Aktien

Wir gehen zwar weiterhin von einer schwachen Konjunkturentwicklung aus, rechnen aber nicht mit einer ausgeprägten Rezession. Sinkende Inflation und die Perspektive auf mittelfristig wieder fallende Leitzinsen dürften den Aktienmärkten Unterstützung geben. Nach dem Rückgang der Unternehmensgewinne, der auch für den Anstieg der Bewertungen in der letzten Zeit mitverantwortlich ist, wird für die kommenden Quartale wieder mit steigenden Gewinnen gerechnet. Wir bleiben bei Aktien übergewichtet.

Heutige Marktentwicklung

Der SMI-Index zeigt sich zum Wochenstart 0.25% stärker. Der deutsche Aktienindex (DAX) liegt derzeit 0.50%. Für die US-Aktienbörsen signalisieren die Futures Indizes eine leicht tiefere Handelseröffnung (Stand ca. 10:00 Uhr, 14.08.2023, Basel Zeit).

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