CIO Kommentar, Montag, 3. August 2026
Die US-Notenbank hat den Leitzins am vergangenen Mittwoch erwartungsgemäss unverändert in einer Spanne von 3,50% bis 3,75% belassen. Bemerkenswert war jedoch weniger der Entscheid selbst als die ungewöhnlich gespannte Kommunikation danach. Der Entscheid fiel mit 9 zu 3 Stimmen. Drei Mitglieder des Offenmarktausschusses hätten eine Zinserhöhung um 25 Basispunkte bevorzugt, was einen ungewöhnlich deutlichen Dissens darstellt. Damit ist klar: Die Fed hat zwar noch nicht gehandelt, aber sie ist intern polarisierter geworden.
In der Marktdiskussion wurde Kevin Warshs Auftritt nach der Sitzung weniger als klare geldpolitische Führung, denn als irritierende Offenheit wahrgenommen. Oxford Economics schrieb, Warshs Mehrdeutigkeit lasse die Märkte an der Entschlossenheit der Fed zweifeln. Reuters Breakingviews sprach davon, dass der neue Fed-Chef auf Unsicherheit mit Schweigen antworte und die Märkte über den künftigen Zinspfad raten lasse. Genau diese Kritik lässt sich als geldpolitischer Hamlet-Moment beschreiben.
Hamlet, der Prinz aus Shakespeares Tragödie, erkennt, dass etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist und dass eine Entscheidung unausweichlich wird. Zugleich schiebt er das Handeln immer wieder hinaus, weil jeder mögliche Schritt neue Risiken eröffnet. Auf die Fed übertragen heisst das: Warsh weiss, dass die Inflation weiterhin deutlich über dem Ziel bleibt und dass die Glaubwürdigkeit der Notenbank auf dem Spiel steht. Eine Zinserhöhung könnte jedoch Konjunktur und Märkte belasten; eine zu frühe Entwarnung könnte die Inflationserwartungen gefährden. Zwischen «Erhöhen» und «Abwarten» bleibt die Fed daher bewusst in der Schwebe.
Diese Offenheit ist nicht zwingend Ausdruck von Schwäche. Sie kann auch als Versuch verstanden werden, in einer unsicheren Lage keine falsche Präzision vorzutäuschen. Für die Märkte ist sie dennoch unangenehm. Ohne klare Regieanweisungen durch den Fed-Vorsitzenden werden die kommenden Daten zum eigentlichen Drehbuch der Geldpolitik. Inflationszahlen, Arbeitsmarktdaten, Ölpreis und Finanzierungsbedingungen erhalten dadurch noch mehr Gewicht.
Der USD-Bondmarkt las die Zinspause zunächst eher als Entspannungssignal. Gleichzeitig zeigen die drei Gegenstimmen für eine Zinserhöhung, dass der Ausschuss intern stärker in Richtung Straffung tendiert. Warsh wirkt damit rhetorisch entschlossen beim 2 %-Inflationsziel, bleibt operativ aber bewusst offen. Unser Basisszenario bleibt eine längere Zinspause auf restriktivem Niveau. Sollte der Ölpreis aber erneut steigen oder die Inflationsdaten wieder nach oben überraschen, könnte die Diskussion über eine Zinserhöhung im Herbst rasch zurückkehren.
Die vorläufige Beruhigung im Nahost-Konflikt hat den Ölpreis zuletzt deutlich fallen lassen. Nachdem die Sorge vor einer erneuten schweren Störung der Energieflüsse durch die Strasse von Hormus und das Rote Meer die Risikoprämien zuvor erhöht hatte, reagierten die Märkte positiv auf die Pause der militärischen Angriffe und die erneuten diplomatischen Bemühungen.
Auch der Schweizer Aktienmarkt profitierte von diesem Umfeld. Der Swiss Performance Index (SPI) erreichte am 28. Juli 2026 erneut ein Allzeithoch. Das ist ein vielbeachteter, aber für sich genommen wenig aussagekräftiger Umstand. Neue Höchststände wirken intuitiv spektakulär und generieren Schlagzeilen in der Boulevard Presse, sind in einem langfristig steigenden Aktienmarkt aber weit weniger selten, als viele Anlegerinnen und Anleger vielleicht vermuten.
Die harten Zahlen hinter dieser Beobachtung sind lehrreich. In der von uns ausgewerteten SPI-Zeitreihe vom 1. Juni 1987 bis zum 3. August 2026 finden sich 9’699 Tagesbeobachtungen. Davon waren 677 echte neue Schlusskurs-Allzeithochs. Das entspricht knapp 7% aller Handelstage. Im Durchschnitt erreichte der SPI damit ungefähr alle 14 Handelstage beziehungsweise alle 21 Kalendertage ein neues Allzeithoch – also etwa alle drei Wochen.
Diese Durchschnittszahl ist dennoch keine vertrauenswürdige Börsenregel. Allzeithochs treten nicht gleichmässig auf, sondern in Clustern. In starken Aufwärtsphasen folgen neue Rekorde oft im Abstand weniger Tage aufeinander; nach grossen Baissen können dagegen Jahre vergehen. Gerade diese Kombination aus langfristig exponentiellem Wachstum und kurzfristig zufälligen Schwankungen ist kognitiv schwer greifbar. Dennoch: Ein langfristig wachsender Aktienindex muss regelmässig neue Höchststände erreichen – sonst wäre er kein langfristig wachsender Index.
Für Anlageentscheidungen ist deshalb nicht der Rekordstand selbst relevant, sondern ob Bewertungen, Gewinnperspektiven, Zinsumfeld und Risikoprämien zusammenpassen. Für Anlegerinnen und Anleger ist ein disziplinierter Umgang mit Aktienquoten wichtiger als der Versuch, aus einzelnen Rekordständen kurzfristige Marktsignale abzuleiten.
Die heute publizierten Schweizer Inflationsdaten bestätigen die geldpolitisch komfortable Ausgangslage der Schweiz. Der Landesindex der Konsumentenpreise sank im Juli gegenüber dem Vormonat um 0,1% und erreichte 101.1 Punkte. Gegenüber dem Vorjahr betrug die Teuerung nur noch 0,4%. Damit fiel die Inflation auf den tiefsten Stand seit vier Monaten und bleibt klar innerhalb des Bereichs, den die Schweizerische Nationalbank mit Preisstabilität verbindet.
Bemerkenswert ist, dass höhere Energiepreise bisher nicht zu einem breiten Inflationsschub in der Schweiz geführt haben. Höhere Kosten einzelner Energiekomponenten wurden durch tiefere Preise bei verschiedenen Gütern und Dienstleistungen teilweise ausgeglichen. Auch die Kerninflation bleibt sehr tief. Damit unterscheidet sich die Schweiz weiterhin deutlich von den USA und der Eurozone, wo der Inflationsdruck trotz gewisser Entspannung hartnäckiger bleibt.
Für die Schweizerische Nationalbank spricht dies weiterhin für Geduld. Die Zinsmärkte preisen zwar ein gewisses Straffungsrisiko für 2027 ein. Aus heutiger Sicht lässt sich daraus aber noch kein belastbarer Zinserhöhungszyklus ableiten. Unser Basisszenario bleibt ein stabiler SNB-Leitzins bei 0%. Die Schweiz ist damit im internationalen Vergleich weiterhin in einer Sonderposition: Der globale Energieschock ist spürbar, wird bislang aber nicht zu einem breit abgestützten Schweizer Inflationsproblem.
In Anlagestrategie halten wir an unserer aktuellen Positionierung fest. Die durch die positive Marktentwicklung aufgebaute starke Aktienübergewichtung wurde bereits teilweise reduziert. Aktuell bleiben wir bei Aktien nur noch moderat übergewichtet.
Die konjunkturellen Signale haben sich in Europa zuletzt etwas verbessert. Einkaufsmanagerindizes, ifo-Index und Konsumentenvertrauen fielen etwas besser aus, während das US-Konsumentenvertrauen gemäss Conference Board etwas enttäuschte. Insgesamt spricht dies nicht für eine aggressive Risikoerhöhung, aber auch nicht für eine defensive Kehrtwende.
Per 31. Juli 2026 erzielten unsere Anlagelösungen Einkommen, Regelbasiert, Ausgewogen und Wachstum seit Jahresbeginn Renditen von rund 2,6%, 2,7%, 5,2% beziehungsweise 8,0%. Die Abstufung zeigt, dass sich die positive Marktentwicklung risikogerecht in den Portfolios niedergeschlagen hat.
Auf der Zinsseite bleiben wir in der Duration neutral, sehen aber bei Unternehmensanleihen selektive Chancen. Die Credit Spreads haben sich zuletzt etwas ausgeweitet, obwohl der Schweizer Markt im Sommer wegen fehlender Neuemissionen üblicherweise eher zu engeren Spreads tendiert. Diese leichte Ausweitung betrachten wir als mögliche Kaufopportunität.
Bei Aktien bleibt das Bild konstruktiv, aber differenziert. Die Gewinnwachstumsdynamik ist weiterhin robust, insbesondere in den USA, aber auch in Europa. Gleichzeitig kam es im Technologiesektor zu einer deutlichen Korrektur, ausgelöst durch Zweifel an sehr hohen KI-Investitionen und durch zunehmende chinesische Konkurrenz. Für den Schweizer Aktienmarkt bleiben unsere Bottom-up-Einschätzungen leicht über Konsens und deuten weiterhin auf moderates Aufwärtspotenzial hin.
Auch bei japanischen Aktien halten wir an unserer Beimischung fest. Die gemeinsame Notenbank Intervention Japans und der USA zur Stützung des Yen zeigt, dass ein ungeordnet schwacher Yen politisch nicht hingenommen wird. Für Schweizer Anleger ist dies relevant, weil ein stabilerer Yen die starke lokale Aktienmarktentwicklung weniger durch Währungsverluste schmälert. Politische Unsicherheiten, Inflationsdruck und Fiskalfragen in Japan beobachten wir aufmerksam, sehen darin derzeit aber keinen Grund, die Japan-Position aufzugeben.
Gold bleibt als strategische Absicherung relevant. Die geopolitische Unsicherheit ist weiterhin hoch, und die Dauer der jüngsten USD-Stärke ist offen. Eine Aufstockung unsere Goldquote drängt sich derzeit noch nicht auf, wäre aber zu erwägen, sobald sich ein klareres positives Preis-Momentum zeigt.
Der neue Deeskalationsversuch und die erneuten diplomatischen Bemühungen im Nahen Osten sowie der fallende Ölpreis geben den Aktienmärkten heute Aufwind. Der SMI gewinnt gegenwärtig 0,35%. Der deutsche Aktienindex (DAX) liegt derzeit mit rund 1,30% im Plus. Für die US-Aktienmärkte signalisieren die Terminbörsen für heute Nachmittag ebenfalls eine freundliche Eröffnung (Stand ca. 11:00 Uhr, 3. August 2026, Basel Zeit).