CIO Kommentar, Montag, 18. Mai 2026
Trotz der anhaltenden Spannungen im Nahen Osten und der ungelösten Krise in der Strasse von Hormus traten geopolitische Sorgen im April an den Aktienmärkten in den Hintergrund. Das Thema Künstliche Intelligenz rückte stattdessen wieder in den Fokus. Die Geschäftszahlen von Unternehmen, die Ausrüstung wie Chips und Infrastruktur für Rechenzentren bereitstellen, sorgten für Aufwind. Besonders gefragt waren Schwellenländeraktien. Sie wurden durch Marktführer wie Taiwan Semiconductor Manufacturing und Samsung Electronics beflügelt.
Bis Mitte Mai hatten über 90% der im US-amerikanischen S&P-500-Index gelisteten Unternehmen ihre Zahlen für das erste Quartal 2026 offengelegt. Bei mehr als 80% der Unternehmen wurden die Gewinnerwartungen übertroffen. Sie erzielten insgesamt einen Gewinnanstieg von mehr als 27%. Besonders gute Ergebnisse erzielten dabei Unternehmen aus den Bereichen Kommunikationsdienstleistungen und Informationstechnologie.
Auch für die kommenden Quartale versprechen die Prognosen eine positive Entwicklung der Unternehmensgewinne in den USA. Dies ist insbesondere auch deshalb wichtig, weil die Bewertungen der US-Börsen historisch weiterhin sehr hoch sind. Nasdaq und S&P 500 sind in den vergangenen Woche auf neue Hochs gestiegen. Von Ende März bis vergangenen Freitag hat der Nasdaq um über 20% in Schweizer Franken zugelegt, der S&P 500 immerhin um mehr als 11%. Unsere Erwartungen im Hinblick auf die Auswirkungen des Irankriegs auf die Finanzmärkte hat sich damit bislang bestätigt. Wir sind bei Aktien weiter übergewichtet.
Die jüngst veröffentlichten Inflationsdaten bestätigen einen deutlichen Anstieg der Verbraucherpreise in den USA und der Eurozone. Angesichts der anhaltend hohen Benzin- und Strompreise, die durch den Konflikt im Iran und die Blockade der Strasse von Hormus getrieben werden, stiegen die Verbraucherpreise in den USA im April um 3,8%, in der Eurozone um 3%. In der Schweiz bleibt die Inflation mit 0,6% deutlich im Zielkorridor der Schweizerischen Nationalbank (SNB) von 0% bis 2%.
Auch die Kerninflationsraten – ohne Energie- und Nahrungsmittelpreise – entwickelten sich unterschiedlich: Während die Rate in den USA bei 2,8% und in der Eurozone bei 2,2% lag, bleibt die Schweiz mit einer Kerninflationsrate von lediglich 0,3% weiterhin in einem stabilen Umfeld.
Bei anhaltend hohen Energiepreise sind sogenannte Zweit- und Drittrundeneffekte nicht auszuschliessen, was zu entsprechend höheren Kerninflationsraten führen würde. In den USA haben zudem die importabhängigen Preissteigerungen durch die von US-Präsident Donald Trump verhängten Handelszölle zur aktuell höheren Teuerungsrate beigetragen. Ob und wann die Energiekosten wieder nachgeben, ist aktuell offen.
Die derzeit hohen Inflationsraten setzen die Notenbanken zunehmend unter Druck. Im Gegensatz zu nachfragegetriebenen Preisanstiegen sind die aktuellen Teuerungen hauptsächlich auf externe Faktoren zurückzuführen – insbesondere auf höhere administrierte Preise durch US-Zölle sowie auf gestörte Lieferketten infolge der Sperrung der Strasse von Hormus. Ähnlich wie während der Corona-Krise wirken somit externe Schocks inflationssteigernd, ohne auf eine Überhitzung der Wirtschaft hinzuweisen.
«Ähnlich wie während der Corona-Krise wirken somit externe Schocks inflationssteigernd, ohne auf eine Überhitzung der Wirtschaft hinzuweisen.»Dr. Stefan Kunzmann, Leiter Economic Research
Für die US-Notenbank zeichnet sich eine schwierige Lage ab: Der designierte Fed-Chef Kevin Warsh dürfte voraussichtlich keine Mehrheit im Offenmarktausschuss (FOMC) für Leitzinssenkungen finden, wie sie vom US-Präsidenten Donald Trump regelmässig gefordert werden. Grund hierfür ist nicht zuletzt der jüngste US-Arbeitsmarktbericht, der mit einem überraschend starken Stellenzuwachs keinen Handlungsbedarf für eine Absenkung der Leitzinsen zur Unterstützung der Beschäftigung erkennen lässt.
An den Finanzmärkten wird daher für das Jahr 2026 keine Änderung der US-Leitzinsen erwartet – weder nach oben noch nach unten. Im Gegensatz dazu rechnet der Markt für die Europäische Zentralbank (EZB) mit zwei bis drei Zinsschritten nach oben. Für die Schweizerische Nationalbank (SNB) wird eine Zinserhöhung frühestens zur Märzsitzung 2027 am Markt eingepreist. Die Unsicherheiten über die weitere Entwicklung der Energiepreise und deren Auswirkungen auf die Inflation bleiben vorerst hoch.
Entgegen der von Marktteilnehmern im Vorfeld des Treffens von US-Präsident Donald Trump und Chinas Staatschef Xi Jinping geäusserten Hoffnungen in Bezug auf den Irankonflikt, hat das Treffen zu keinen Fortschritten bei den Verhandlungen zwischen den Kriegsparteien geführt. Konkrete Ergebnisse blieben die Protagonisten schuldig. Die vagen Aussagen von Donald Trump zu den eigentlich geplanten Waffenlieferungen an Taiwan gelten vielmehr als Indiz dafür, wie verzwickt sich die Lage für die Vereinigten Staaten im Nahen Osten darstellt. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass die Börsen mit negativen Vorzeichen in die neue Handelswoche starten. Der Schweizer Aktienmarkt (SMI) verliert 0,7%, der deutsche Aktienindex (DAX) fast 0,6%. Für die US-Aktienmärkte signalisieren die Terminbörsen eine nur leicht negative Handelseröffnung (Stand ca. 9.20 Uhr, 18. Mai 2026, Basel Zeit).