CIO Kommentar, Montag, 19. Oktober 2026
Die gewaltsamen Ausschreitungen am vergangenen Wochenende verschärfen die politische und wirtschaftliche Unsicherheit in Frankreich. Proteste gegen hohe Lebenshaltungskosten und unzureichende öffentliche Dienstleistungen mündeten vielerorts in Plünderungen und Brandstiftungen. Gleichzeitig berät das tief gespaltene Parlament über den Haushalt für 2027, der Massnahmen zur Defizitreduktion von rund 43 Milliarden Euro vorsieht. Die Regierung steht damit vor einem schwierigen Zielkonflikt: Die Bevölkerung fordert finanzielle Entlastung, während die angespannte Haushaltslage eine Begrenzung der Staatsausgaben verlangt.
An den Anleihemärkten wird dieser Konflikt unmittelbar sichtbar. Die Rendite zehnjähriger französischer Staatsanleihen steigt am Montagmorgen auf rund 4,85%, während vergleichbare deutsche Bundesanleihen mit etwa 3,40% rentieren. Der Renditeaufschlag beträgt damit rund 145 Basispunkte beziehungsweise 1,45 Prozentpunkte. Höhere Finanzierungskosten verteuern neue Schulden und die Refinanzierung fälliger Anleihen.
Die Ursachen der Unzufriedenheit lassen sich allerdings nicht allein mit zusätzlichen Staatsausgaben beheben. Auch deren Verteilung ist entscheidend: Stark gestiegenen Aufwendungen für die Alterssicherung stehen vergleichsweise geringe Zuwächse bei Bildung, Sicherheit und Justiz gegenüber. Für die Finanzmärkte wird deshalb weniger die unmittelbare Schadensbilanz der Ausschreitungen ausschlaggebend sein als die Frage, ob Frankreich einen politisch tragfähigen Weg zur Stabilisierung seiner Staatsfinanzen findet.
Die politische Unsicherheit dürfte Frankreich bis zur Präsidentschaftswahl im Frühjahr 2027 begleiten, deren erster Wahlgang im April erwartet wird. Emmanuel Macron kann nach zwei aufeinanderfolgenden Amtszeiten nicht erneut kandidieren. Seine Nachfolge wird damit in einem Umfeld entschieden, in dem hohe Lebenshaltungskosten, soziale Spannungen und die angespannte Haushaltslage den politischen Handlungsspielraum begrenzen.
Ein Sieg des rechtsnationalen Rassemblement National ist eine ernst zu nehmende Möglichkeit, aber keineswegs bereits entschieden. Während die politische Mitte unter Druck steht, könnte Marine Le Pens Partei von der Unzufriedenheit mit der Regierung und den Sicherheitsbedenken der Bevölkerung profitieren.
Neben dem früheren Premierminister Édouard Philippe versucht auch der proeuropäische Sozialdemokrat Raphaël Glucksmann, sich als Alternative zu profilieren. Dieser grenzt sich ausdrücklich von der radikalen Linken um Jean-Luc Mélenchon ab. Rund ein halbes Jahr vor der Wahl bleibt offen, welche politischen Kräfte sich für die entscheidende Stichwahl qualifizieren und dort eine Mehrheit hinter sich versammeln können.
Für die Finanzmärkte wird nicht allein die politische Zugehörigkeit des künftigen Staatsoberhaupts ausschlaggebend sein. Entscheidend ist vielmehr, ob eine neue Regierung einen glaubwürdigen und parlamentarisch tragfähigen Weg zur Stabilisierung der Staatsfinanzen aufzeigen kann. Wahlversprechen zur Entlastung der Bevölkerung müssen sich an ihrer Finanzierbarkeit messen lassen. Zusätzliche Ausgaben ohne überzeugende Gegenfinanzierung könnten die Risikoprämien französischer Staatsanleihen weiter erhöhen.
Der Krieg mit Iran und die Angriffe auf Transportwege und Energieinfrastruktur halten die Unsicherheit über die Ölversorgung hoch. Dabei beschränken sich die Risiken nicht auf die Strasse von Hormus. Auch alternative Exportwege und Anlagen ausserhalb der Meerenge sind gefährdet. Der fortgesetzte Abbau von Lagerbeständen verringert zudem den Puffer gegenüber weiteren Lieferunterbrechungen. Eine anhaltende Entspannung setzt deshalb nicht nur ruhigere Terminmärkte, sondern verlässlichere physische Lieferungen voraus.
Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die Preisdifferenz zwischen physisch verfügbarem Rohöl und den an den Finanzmärkten gehandelten Terminkontrakten. Mitte Oktober lag der Preis für physisch verfügbares Brent-Rohöl rund 20 US-Dollar pro Fass über den entsprechenden Futures-Preisen.
Unterschiedliche Lieferzeitpunkte, die Knappheit kurzfristig verfügbarer Mengen sowie erhöhte Transport- und Versicherungskosten spielen dabei eine Rolle. Für Raffinerien und letztlich auch für Unternehmen und Haushalte sind die tatsächlichen Beschaffungskosten entscheidend. Ein Rückgang der Futures-Preise allein bedeutet deshalb noch keine entsprechende Entlastung bei den Energiekosten.
Die jüngsten US-Inflationsdaten verdeutlichen diese Problematik. Die jährliche Teuerung stieg im September auf 3,7%, nach 3,4% im August. Gegenüber dem Vormonat erhöhten sich die Verbraucherpreise um 0,6%. Allein die Benzinpreise legten um 9,1% zu. Gleichzeitig stieg die Kerninflation ohne Nahrungsmittel und Energie von 2,4% auf 2,6%. Der Preisauftrieb bleibt somit auch ausserhalb des Energiesektors bestehen.
Für die Notenbanken bleibt die Abwägung anspruchsvoll: Höhere Zinsen können die Nachfrage dämpfen, aber keine zusätzlichen Öllieferungen schaffen. Ein zu langes Abwarten birgt hingegen das Risiko, dass sich der Preisauftrieb verfestigt. Die nächsten Zinsentscheide stehen in der kommenden Woche an: bei der Fed am Mittwoch, 28. Oktober, und bei der EZB am Donnerstag, 29. Oktober.
Der Schweizer Aktienmarkt SMI und der deutsche Aktienindex DAX liegen derzeit rund 0,5% respektive 1% im Minus.
Am Montagmorgen zeichnet sich bei US-Technologieaktien zunächst eine Gegenbewegung ab. Die Futures auf den Nasdaq 100 liegen derzeit 1,1% im Plus, jene auf den S&P 500 gewinnen 0,5% (19. Oktober 2026, 10:30 Basel Zeit).