CIO Kommentar, Montag, 20. Juli 2026
Das Wochenende zeigte auch die besondere Inszenierungslogik dieser amerikanischen Gegenwart. Während Spanien in New Jersey den Weltmeistertitel feierte, blieb Donald Trump selbst bei der Pokalübergabe sichtbar im Bildzentrum der Siegerfeier, bevor FIFA-Präsident Gianni Infantino ihn zur Seite führte. Für die Finanzmärkte ist diese Szene an sich unerheblich. Sie passt aber zu einem politischen Umfeld, in dem die Person des Präsidenten fast jedes Thema überlagert – vom globalen Sportereignis über den Ölpreis bis zur Geldpolitik.
Für die Märkte überwog am Montagmorgen jedoch nicht die sportliche Symbolik, sondern die Frage, ob der Ölpreis erneut zu einem Inflationsrisiko wird. Die Lage rund um Iran und die Strasse von Hormus hat sich nach der zwischenzeitlichen Entspannung wieder deutlich verschärft. Nach Todesfällen unter US-Soldaten haben die USA ihre Angriffe auf iranische Kommandozentren, maritime Fähigkeiten, Raketen- und Drohnenstellungen sowie Kommunikationsnetze ausgeweitet. Begründet wird dies mit dem Ziel, Irans Fähigkeit zu Angriffen auf Handelsschiffe und zivile Seefahrt weiter zu schwächen.
Gleichzeitig hat Iran seine Gegenangriffe auf amerikanische Verbündete in der Region intensiviert. Besonders betroffen war Kuwait, wo Energie- und Versorgungsinfrastruktur beschädigt wurde. Auch in der Strasse von Hormus bleibt die Lage angespannt, nachdem Iran erneut den Anspruch erhoben hat, die Nutzung der Meerenge faktisch kontrollieren zu wollen. Die fragile Waffenruhe ist damit faktisch zerbrochen.
Aus Anlegersicht ist besonders problematisch, dass die Eskalation zwar militärisch intensiviert wird, aber politisch kein klarer Ausweg erkennbar ist. Die USA schlagen zurück, Iran testet weiter die Verwundbarkeit regionaler Infrastruktur und der Schifffahrt, während die diplomatische Perspektive unklar bleibt. Damit steigt das Risiko, dass der Konflikt nicht mehr nur als kurzfristiger Ölpreisschock wirkt, sondern länger auf Inflationserwartungen, Unternehmensmargen und Risikobereitschaft der Anleger drückt.
Für die Finanzmärkte ist dies vor allem über den Ölpreis relevant. Brent-Rohöl ist seit Ende Juni wieder deutlich gestiegen. Damit ist der Energieschock zwar noch nicht zurück auf dem Höhepunkt der Krise, aber die Richtung ist erneut ungünstig. Für die Inflationserwartungen und die geldpolitische Einschätzung der Fed bedeutet dies, dass die erfreulichen Juni-Inflationsdaten nicht isoliert betrachtet werden dürfen. Solange die Eskalation rund um Hormus anhält, bleibt das Risiko einer erneuten importierten Inflationswelle bestehen.
Nachdem die Konsumentenpreise in den USA im Mai deutlich angezogen haben und mit einem Plus von 4,2% den höchsten Anstieg seit drei Jahren aufgewiesen hatten, ist die Teuerungsrate im Juni infolge wieder gesunkener Energiepreise deutlicher zurückgekommen. Mit 3,5% lag der Anstieg der Konsumentenpreise unter dem prognostizierten Wert von 3,8%. Die Kernrate – also die Teuerung ohne Energie und Nahrungsmittel – wird mit 2,6% angegeben, erwartet war ein Anstieg um 2,8%.
Dies ist für die US-Notenbank grundsätzlich eine gute Nachricht, hat der Preisdruck damit doch stärker nachgelassen als vielfach erwartet. Bemerkenswert ist zudem, dass der US-Konsumentenpreisindex im Juni auf Monatssicht sogar zurückging – zum ersten Mal seit der Pandemie. Auch die Kerninflation blieb sehr verhalten. Unter der Oberfläche spricht deshalb einiges dafür, dass nicht nur tiefere Energiepreise, sondern auch ein breiterer disinflationärer Prozess zur Entspannung beigetragen hat.
Die Juni-Daten haben den unmittelbaren Druck in Richtung einer Zinserhöhung zwar reduziert, eine Zinssenkung erwartet derzeit aber ebenfalls kaum jemand. Seit 1970 war der erste Zinsschritt jedes neuen Fed-Vorsitzenden eine Erhöhung; ob Kevin Warsh diese Serie fortsetzt, ist nach den überraschend freundlichen Juni-Inflationsdaten wieder offener geworden. Die wahrscheinlichste Variante bleibt vorerst eine längere Zinspause auf dem aktuell restriktiven Zinsniveau. Dies dürfte auch mit der Tatsache zusammenhängen, dass die Rohölpreise infolge der erneuten Eskalation im Nahen Osten seit Ende Juni wieder gestiegen sind.
Wir gehen zwar nach wie vor davon aus, dass die erhöhten Inflationsraten nur temporär Bestand haben werden. Bei einer anhaltenden militärischen Eskalation rund um die Strasse von Hormus muss aber mindestens eine Zinserhöhung seitens der US-Notenbank wieder ernsthaft in Rechnung gestellt werden. Dazu passen auch die jüngsten Äusserungen des neuen US-Notenbankchefs Kevin Warsh in der vergangenen Woche vor dem US-Kongress. Zentrale Aussagen waren dabei, dass er im Hinblick auf die Inflationsentwicklung trotz der erfreulichen Juni-Daten keine Entwarnung gegeben hat, dass die US-Fed keine dauerhaft erhöhte Inflationsrate dulden werde, was von Beobachtern als Abkehr vom System der Steuerung einer durchschnittlichen Inflation gewertet wurde, und dass er eine Straffung der Geldpolitik nicht ausschloss, wozu neben einer Erhöhung der Leitzinsen auch eine aktive Verringerung der Notenbankbilanz gehören kann.
Mit seinen Äusserungen vor dem US-Kongress hat Kevin Warsh die Unabhängigkeit der US-Notenbank betont und damit möglichen Versuchen der Einflussnahme aus dem Weissen Haus eine Absage erteilt. Er trat damit auch Bedenken von Kritikern entgegen, die in ihm – im Vorfeld seiner Ernennung – einen Erfüllungsgehilfen für US-Präsident Donald J. Trumps Wunsch nach tieferen Leitzinsen und einer expansiveren Geldpolitik gesehen hatten.
Auch die Schweizerische Nationalbank bleibt wachsam, sieht aber derzeit keinen unmittelbaren Handlungsbedarf. In der am 16. Juli publizierten Zusammenfassung ihrer geldpolitischen Lagebeurteilung vom Juni hält die SNB fest, dass die Inflationsrisiken in den vergangenen Monaten zugenommen haben und stärkere Zweitrundeneffekte möglich sind. Gleichzeitig sieht sie die Preisstabilität in der Schweiz derzeit nicht gefährdet. Ein rascher Anstieg der Inflation über 2% oder ein Rückfall in negative Teuerungsraten wird gegenwärtig nicht erwartet.
Damit bleibt die geldpolitische Ausgangslage in der Schweiz deutlich komfortabler als in den USA. Zwar belasten höhere Energie- und Importpreise auch hierzulande, die Inflation liegt aber weiterhin klar im Bereich der Preisstabilität. Wichtig bleibt aus Sicht der SNB zudem der Franken. Aufgrund der unsicheren geopolitischen Lage besteht weiterhin das Risiko einer raschen und übermässigen Aufwertung. Die SNB hält deshalb ihre erhöhte Bereitschaft zu Devisenmarktinterventionen aufrecht, falls eine starke Frankenaufwertung die Preisstabilität gefährden sollte.
Die erneute Eskalation im Nahen Osten und der steigende Ölpreis belasten die Aktienmärkte heute Morgen nicht stark. Der SMI eröffnete heute 0,6% tiefer, er liegt aktuell nur noch 0,2% im Minus. Der deutsche Aktienindex (DAX) liegt derzeit mit rund 0,2% Plus. Für die US-Aktienmärkte signalisieren die Terminbörsen für heute Nachmittag eine freundliche Eröffnung (Stand ca. 10:30 Uhr, 20. Juli 2026, Basel Zeit).