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Anlegen und Vorsorgen

Langfristige Renditen von Geldanlagen: Was wir vom Blick in den Rückspiegel lernen können

Viele lästern über die Versuche von Ökonominnen und Ökonomen, mit dem Blick in die Vergangenheit die Zukunft zu prognostizieren. Warum sind Renditen und andere wirtschaftliche Variablen so schwer vorherzusagen? Schuld daran sind die vielfältigen Einflüsse und die unüberschaubaren Wirkungszusammenhänge. Dazu kommt, dass die Vorhersagen nicht empirisch getestet werden können. Darum sind sie sehr unsicher und haben vielmehr den Charakter plausibler Szenarien. Trotzdem sind sie wichtige Orientierungsgrössen und helfen, Anlageentscheide zu treffen. Wie aber kommen wir zu unseren langfristigen Prognosen? Wir zeigen Ihnen, wie wir Renditen für die Zukunft berechnen.

Brigitta Lehr, Finanzanalystin

Als elementare Grundlage für die Formulierung von Erwartungen dient Finanzanalystinnen und Finanzanalysten der Blick in die Vergangenheit, woraus sie Parallelen für die Zukunft ableiten.

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Aktienrenditen: Gewinnwachstum und Dividenden sind treibende Grössen

Je länger Geld angelegt ist, umso weniger schwankt die Rendite. Daher sind Prognosen über längere Zeithorizonte zwar nicht perfekt, aber doch sicherer als kurzfristige Schätzungen. Anlegerinnen und Anlegern wird dementsprechend auch ein längerer Investitionshorizont nahegelegt. Die mittleren Gesamtrenditen für Aktien über die vergangenen Dekaden lagen in der Schweiz zwischen 8 % und 9 % p.a. und bieten einen ersten Anhaltspunkt für die langfristigen Ertragserwartungen.

«Wirtschaftswachstum ist Haupttreiber der Aktienkurse.»
Brigitta Lehr, Finanzanalystin

Die fundamentalen Treiber der Aktienpreisentwicklung sind das Gewinnwachstum sowie Veränderungen von Bewertungen, bspw. infolge veränderter Risiken. Das Gewinnwachstum wird kurzfristig von den Schwankungen der Umsatzentwicklung und der darauf entfallenden Gewinnmarge bestimmt. Langfristig sind die Gewinne parallel zur Gesamtwirtschaft, somit zum Verlauf des Bruttoinlandprodukts, gestiegen. Das Bewertungsniveau, gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), schwankte in der Historie um seinen Mittelwert, üblicherweise gegensätzlich zum Zinsniveau. Über einen sehr langen Betrachtungszeitraum gleicht sich der Anstieg der Aktienkurse daher dem Wirtschaftswachstum an.

Abweichungen des Bewertungsniveaus vom historischen Durchschnitt erfolgen jedoch meist in längeren Zyklen und liefern eine Indikation für die folgende Aktienpreisentwicklung. So zeigen die Daten für den breiten und gut dokumentierten US-Aktienmarkt der vergangenen 50 Jahre einen signifikanten Zusammenhang der KGV mit der jeweils über die nächsten zehn Jahre folgenden Änderung der Aktienpreise. Zum Ende des ersten Quartals 2022 lag das KGV mit 22 über dem historischen Mittelwert von 18, sodass der Erwartungswert für den Aktienpreisanstieg bis 2032 mit knapp 5 % p.a. unterdurchschnittlich ausfällt (siehe Abb. 9). Für die Gesamtrendite sind noch Dividendeneinkünfte von etwa 2 % p.a. hinzuzufügen, sodass wir bei einer Renditeerwartung von rund 7 % landen.

Abb. 9: Bewertungsniveau gibt Indikation für folgende Aktienpreisentwicklung (am Beispiel USA)

Quelle: Bank Cler, Bloomberg (MSCI). Daten von 12/1969 bis 03/2022.

Obligationenrenditen: Gesamtrendite von nahe null ist längerfristig wahrscheinlich

Könnten wir den künftigen Zinspfad vorhersehen, so hätten wir keine Mühe, eine exakte Prognose der Anleiherenditen über die daraus resultierenden Preis- und Zinseinkommensänderungen zu berechnen. Weil dem nicht so ist, machen wir uns indessen einen pragmatischen Ansatz zu eigen: Auswertungen historischer Daten belegen, dass das jeweils vorherrschende Zinsniveau ein guter Prädiktor für die in den folgenden zehn Jahren erzielte Gesamtrendite von Anleihen ist (z.B. USA, siehe Abb. 10).

Abb. 10: Zinsniveau als guter Prädiktor für Obligationenrenditen (am Beispiel USA)

Quelle: Bank Cler, Shiller. Monatliche Daten 03/1871 – 03/2022

Denn wie beim Kurs-Gewinn-Verhältnis im Aktienbereich schwanken auch Zinsen langfristig seitwärts. Niedrige Zinsen implizieren geringe – in den vergangenen Jahren überwiegend gar negative – laufende Erträge, zusätzlich zu Kursverlusten bei einer Normalisierung des Zinsniveaus. Dementsprechend erwarten wir bei Schweizer Obligationen über die nächsten Jahre eine Gesamtrendite nahe null.

Fremdwährungen: Inflationsunterschiede als entscheidende Einflussgrössen

Unsere Erwartungen zu Wechselkursentwicklungen orientieren sich an der empirisch belegten Kaufkraftparitätentheorie, wonach die Währungsentwicklung langfristig auf den Inflationsunterschieden zwischen den Ländern beruht. Währungen von Ländern mit niedriger Inflation wie der Schweiz zeigen auf Dauer einen Aufwärtstrend gegenüber Währungen von Ländern mit hohen Preissteigerungsraten. Die Renditen von Fremdwährungsinvestitionen in Aktien und Obligationen zeigen aus Schweizer Sicht auf Dauer keine grossen Unterschiede. Mehrrenditen in lokaler Währung haben sich in der Vergangenheit meist durch Abwertungen gegenüber dem Schweizer Franken verflüchtigt. Dort, wo langfristig höhere Erträge in Schweizer Franken erzielt wurden, dürfte das wesentlich auf andere Faktoren zurückzuführen sein. Ein Beispiel wären systematische Verbesserungen bei der Bonität von Anleihen aus Schwellenländern.

Bringen nachhaltige Anlagen mehr Rendite?

Der Trend, Nachhaltigkeit bei der Geldanlage zu berücksichtigen, ist noch recht jung. Dementsprechend ist es schwierig, statistisch belastbare Aussagen für Renditeunterschiede von nachhaltigen gegenüber konventionellen Anlagen zu treffen. Es wird argumentiert, dass die Auswahl von Unternehmen mit vorbildlichem ESG-Profil eine Minderung des Risikos darstellt und sich auch in einer besseren Performance niederschlagen dürfte. Während bei nachhaltigen Aktien die Historie der vergangenen 15 Jahre überwiegend auf eine Verbesserung der Rendite-Risikoeigenschaften hindeutet, ergibt sich im Obligationenbereich dafür bislang kein Anhaltspunkt. Deshalb setzen wir bislang bei unseren Renditeerwartungen keine Unterschiede für nachhaltige gegenüber konventionellen Anlagen an.

Kritisch betrachtet, mag man die Ausrichtung von langfristigen Renditeerwartungen an der Vergangenheit mit einer Fahrt auf der Autobahn vergleichen, bei der sich der Fahrer am Blick in den Rückspiegel orientiert. Dennoch bleibt bei vorsichtiger Fahrweise auch dann der Anfang von Kurven erkennbar und eine Reaktion möglich. Klar ist aber auch: Eine absolute Treffgenauigkeit von Renditeprognosen ist illusorisch. Vielmehr ist das Eintreten innerhalb einer Bandbreite um die von uns erwarteten Werte wahrscheinlich. Insofern hat für uns der Blick in den Rückspiegel durchaus seine Berechtigung.


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