CIO Kommentar, Montag, 20. April 2026
Nach einem erfreulichen Start ins Jahr 2026 hat der Angriff der USA und Israels auf den Iran im März für eine Korrektur an den Finanzmärkten gesorgt. Der Auslöser war dabei nicht der Krieg per se, sondern die damit verbundene defacto Sperrung der Strasse von Hormus und die in der Folge deutlich gestiegenen Energiepreise. Mit der Ausrufung einer 14-tägigen Waffenruhe hat sich der Ölpreis für die Sorte Brent wieder unter 100 US-Dollar je Barrel zurückgebildet und ist am Freitagnachmittag infolge der zeitweisen Öffnung der Meerenge durch den Iran kurzeitig sogar unter 90 US-Dollar gesunken. Die Gaspreise in Europa liegen heute Morgen mit etwas mehr als 41 Euro je MWh nur noch gut 16% über dem Niveau von vor einem Jahr. Trotz der mit dem Krieg im Nahen Osten verbundenen Unsicherheiten in Bezug auf die globale Konjunktur und die Teuerungsraten zeigen sich die Finanzmärkte gut sieben Wochen nach dem Beginn der Angriffe recht robust. Zu den grössten Gewinner seit Jahresbeginn gehören Rohstoffe und Gold. Aber auch die meisten Aktienmärkte notieren aktuell im Plus. Das zwischenzeitliche Minus im März wurde Grossteils wieder wettgemacht.
Für uns galt es nach dem Kriegsausbruch, Ruhe zu bewahren. Entsprechend haben wir an unserer taktischen Positionierung festgehalten und Opportunitäten zu leichten Anpassungen wie einem Zukauf von Schweizer Aktien und einem Rebalancing der marktbedingt gestiegenen Rohstoffpositionen (in den konventionellen Mandaten) zum Zukauf täglich liquider Hedge Funds genutzt. Ursächlich für die getroffenen Massnahmen und das Festhalten an vorhandenen Positionen waren u. a. die Erfahrungen im Zusammenhang mit den militärischen Konflikten der letzten Jahrzehnte (ab 1989) und deren Auswirkungen auf die Finanzmärkte. Drawdown Charts zeigen dabei, dass die Verwerfungen an den Finanzmärkten in aller Regel von kurzer Dauer und in ihrer Amplitude relativ begrenzt waren. Dies gilt sowohl für die USA wie auch für den Schweizer Aktienmarkt. Mit Ausnahme der Kuwait Invasion hatten die Aktienmärkte faktisch einen Monat nach Ausbruch der Konflikte die Krise verdaut. Die Performance war allenfalls noch leicht negativ, oftmals sogar wieder positiv.
Dies hängt sicherlich auch damit zusammen, dass bei Ausbruch militärischer Konflikte oftmals Worst-Case-Szenarien sowohl an den Finanzmärkten wie auch in den Medien Hochkonjunktur haben. Dabei wird ausgeblendet, dass die Weltwirtschaft kein starres System ist, sondern vielmehr sehr dynamisch auf entsprechende Ereignisse reagiert. Insbesondere bei drohenden Engpässen und entsprechenden Preisanstiegen bestimmter Güter oder Gütergruppen versuchen Unternehmen und private Haushalte, deren Verwendung bis zu einem gewissen Grad zu substituieren. Dies gilt unseres Erachtens auch für den Energiebereich. So erhalten nicht vom Krieg betroffene Anbieter dieser Güter Anreize, ihr Angebot aufgrund der erzielbaren Preise bis an die Kapazitätsgrenzen auszudehnen. Nachfrager versuchen auf der anderen Seite, Abhängigkeiten von Öl- und Gas wo möglich zu verringern. Im privaten Bereich erfolgt das heute beispielsweise durch die verstärkte Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel oder den Umstieg auf Elektromobilität. Auch der Einsatz von Solar, Photovoltaik, Wärmepumpen etc. gewinnt in solchen Phasen an Attraktivität.
Die Verwerfungen bei den Energiepreisen halten sich vielleicht auch deshalb bislang in Grenzen und sind speziell bei den Erdgaspreisen in Europa aktuell in keiner Weise vergleichbar mit dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs. Entsprechend wurden die Prognosen für die Weltwirtschaft bislang oftmals auch nur geringfügig angepasst. So passen beispielsweise die markigen Worte des Internationalen Währungsfonds (IWF) nicht zu seiner neuen Prognose und damit zu seinem Basisszenario für die Entwicklung des globalen BIP. Ohne den Irankrieg hätte der IWF seine Prognose für den Anstieg des globalen BIP für 2026 von 3,3% auf 3,4% erhöht, nun hat er sie auf 3,1% gesenkt. Dies bedeutet zwar im Vergleich der vergangenen 25 Jahre ein unterdurchschnittliches Wachstum, aber keinen Einbruch der Wirtschaftsleistung. Unterdurchschnittlich ist das Wachstum schon deshalb, weil die Wachstumsraten Chinas weit von den Wachstumsraten entfernt sind, die das Reich der Mitte im ersten Jahrzehnt unseres Jahrtausends erzielen konnte. Und das liegt nicht am Irankrieg, sondern an der demographischen Entwicklung und der zunehmenden Überalterung der chinesischen Bevölkerung.
«Für unsere Anlagestrategie gilt weiterhin die Maxime: Ruhe bewahren und Schlagzeilen nicht mit Strategie verwechseln.»Dr. Stefan Kunzmann, Leiter Investment Research
Für unsere Anlagestrategie gilt weiterhin die Maxime: Ruhe bewahren und Schlagzeilen nicht mit Strategie verwechseln. Unser Basisszenario einer verhandelten Lösung bleibt intakt. Die breit diversifizierte Vermögensanlage hat auch diesen Schock bislang vergleichsweise gut absorbiert. Sollte sich die diplomatische Hoffnungslage weiter verfestigen und die Marktstimmung nochmals deutlich freundlicher werden, können selektive taktische Gewinnmitnahmen sinnvoll sein. An der Grundausrichtung ändern wir im jetzigen Zeitpunkt jedoch nichts.
Für institutionelle Investoren bleibt in solchen Phasen entscheidend, geopolitische Schocks in einen langfristigen Kontext einzuordnen. Historisch zeigen solche Ereignisse oft ein ähnliches Muster: zunächst Kurskorrekturen, steigende Energiepreise und erhöhte Unsicherheit, danach aber häufig eine graduelle Stabilisierung. Für einen professionellen Anlageprozess folgt daraus in der Regel keine hektische strategische Neupositionierung, sondern ein disziplinierter Umgang mit den bestehenden Zielquoten. Gerade in Phasen erhöhter Volatilität kann ein regelbasiertes Rebalancing sinnvoll sein. Wenn Marktbewegungen dazu führen, dass sich die Aktienquote deutlich unter das strategische Ziel zurückbildet, kann eine Rückführung auf das Zielniveau angezeigt sein. Dies ist kein kurzfristiges Market Timing, sondern Ausdruck eines systematischen und kontrollierten Anlageprozesses.
Nach dem deutlichen Anstieg der Aktienkurse am Freitagnachmittag signalisieren die Terminbörsen für den Schweizer Aktienmarkt (SMI Index) einen um 0,7% tieferen Start in die neue Handelswoche. Der deutsche Aktienindex (DAX) und die US-Aktienmärkte werden ebenfalls tiefer erwartet. Der Ölpreis der Sorte Brent wird bei gut 95 US-Dollar je Barrel gehandelt (Stand ca. 8.30 Uhr, 20. April 2026, Basel Zeit).