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Im Team mit der künstlichen Intelligenz

Die Roboter, die wir aus Hollywood-Filmen kennen, haben wenig mit der Realität gemeinsam. Wir werden lernen müssen, mit künstlichen Intelligenzen mit deutlich weniger Sozialkompetenz zusammenzuarbeiten – sagt Luca Maria Gambardella, Professor der Università della Svizzera Italiana.

Könnten diese Zeilen von einer künstlichen Intelligenz stammen? Theoretisch: Ja. Die englische Zeitung «Guardian» liess die Maschine GPT-3 schon vor zwei Jahren einen Essay schreiben. Werden Roboter uns also die Jobs wegnehmen?

Kaum einer kann diese Frage besser beantworten als Luca Maria Gambardella – und er verneint sie. Der Informatiker hat das Istituto Dalle Molle di Studi sull’Intelligenza Artificiale (IDSIA) der Università della Svizzera Italiana über 25 Jahre lang geleitet. Google, Apple und Microsoft setzen auf Algorithmen aus Lugano. Nebenbei ist Gambardella als Künstler, Autor (zwei veröffentlichte Romane) und Unternehmer mit dem Startup Artificialy unterwegs.

Kein Bewusstsein

«Maschinen sind den Menschen oft überlegen, wenn es um definierte regelbasierte Aufgaben geht», sagt Gambardella. So könnten sie zwar Texte schreiben, aber sie seien sich nicht bewusst, was sie schreiben. Das gilt auch für Übersetzungstools. «Maschinen können nicht plötzlich Sprachen verstehen. Sie rufen nur Informationen von Texten ab, die bereits übersetzt wurden – ohne Bewusstsein für den Sinn.» Aus diesem Grund lassen sich Fake News auch nicht per künstliche Intelligenz aussortieren. Gambardella: «Fake News sind nicht durch Fehler entstanden, sondern dahinter steckt eine bewusste Manipulation.»

Bisher hat die künstliche Intelligenz mehr Arbeitsplätze geschaffen als wegerodiert. «Hollywood vermittelt uns ein falsches Bild von Robotern», meint Gambardella: «In Wirklichkeit sind Maschinen beispielsweise weit davon entfernt, so flexible Feinbewegungen wie unsere Hände durchzuführen.» Das grösste Potenzial künstlicher Intelligenz sieht er in Bereichen, wo der menschliche Körper keine Rolle spielt. Konkret: Callcenter-Mitarbeitende könnten eher durch Maschinen ersetzt werden als Krankenpflegende.

Hybride Teams

«In Zukunft brauchen wir mehr hybride Teams», skizziert Gambardella seine Vision. Dabei kümmern sich menschliche und virtuelle Experten um ein Projekt. «Wenn Menschen mit Menschen sprechen, spielt die nonverbale Kommunikation mit. Maschinen sind weniger einfühlsam. Für die Interaktion sind neue Fähigkeiten verlangt», sagt Gambardella.

Es wäre aber ein Trugschluss, zu glauben, dass nur technische Kompetenzen gefragt sind, um mit digitalen Systemen zu interagieren. «Wir benötigen Menschen mit Kultur, sprich einem stark ausgeprägten, kritischen Sinn, der auf einer breiten humanistischen Allgemeinbildung beruht», betont Gambardella. Dazu gehört auch, die Distanz zur Technologie zu bewahren und nicht «im Metaversum zu versinken». Er rät, Kindern Vertrauen mit auf den Weg zugeben – statt Zukunftsangst zu verbreiten.

Luca Maria Gambardella
Luca Maria Gambardella ist Professor für Informatik der Università della Svizzera Italiana. Zudem ist er technischer Direktor von Artificialy, Künstler und Romanautor.

Fake Work

Der ganze Tag ist vollgestopft mit Terminen – dennoch stellt sich abends ein Leeregefühl ein. Man hat scheinbar nichts erreicht. Kennen Sie das? Meist ist das Phänomen «Fake Work», Scheinarbeit, im Spiel. Damit sind Betriebsabläufe und Tätigkeiten gemeint, die keinerlei Wertschöpfung generieren: Telefonate ohne Resultate, ausufernde Sitzungen, nichtssagende Mails, unproduktives Multitasking – und vieles mehr. Den Begriff lancierten die US-Unternehmer Brent D. Peterson und Gaylan W. Nielson anno 2009 in ihrem Bestseller namens «Fake Work».

Turing-Test

Der Film «The Imitation Game» hat den britischen Logiker Alan Turing (1912 bis 1954) bekannt gemacht. Im Zweiten Weltkrieg entschlüsselte er für die Briten die Geheimcodes der Deutschen. Und dann entwickelte er einen Test, um künstliche Intelligenzen zu identifizieren: Man führt einen Dialog mit einer Maschine und tippt Fragen ein. Ist man danach überzeugt, dass dahinter ein Mensch steckt, obwohl es ein Computer ist, so hat Letzterer den Turing-Test bestanden. «Bis heute hat noch keine Maschine diesen Test bestanden», sagt Luca Maria Gambardella.

Augmented Reality

Erweitern wir die Realität mit digitaler Technologie, entsteht die Augmented Reality. Wo findet sie schon Anwendung in der Arbeitswelt? Das klassische Beispiel ist ein Monteur, der Wartungsarbeiten durchführt. «Die Brille zeigt ihm, wie er vorgehen muss und welche Ersatzteile er braucht», erklärt Luca Maria Gambardella. Er könne sich auch vorstellen, dass uns beim Autofahren eher Brillen als Spiegel und Windschutzscheiben die richtigen Informationen zuspielen. In der Chirurgie zeichnen sich ebenfalls Verwendungszwecke für Augmented Reality ab. So kann die Technologie etwa bei Vermessungen helfen und beispielsweise den Weg von Kathedern aufzeigen.

Metaverse statt Meeting-Raum

«Das Metaverse ist nicht nur das Internet, auf das man schaut. Vielmehr nimmt man daran teil», sagte Mark Zuckerberg – und investiert Milliarden in ein Paralleluniversum im Internet. Darin soll sich jeder Mensch als Avatar bewegen können, zum Beispiel per Virtual-Reality-Brille. So kann sich jede und jeder eine persönliche Traumwelt schaffen. Und das Business vereinfacht sich: Statt im Sitzungszimmer trifft man sich im Metaverse. Allerdings sind all diese Ideen nicht neu. Schon 2003 war die Online-Plattform «Second Life» in aller Munde. Konzerne nahmen viel Geld in die Hand, um in dieser Fake-Welt zu werben. Doch längst ist der Hype abgeflacht.