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Scheinwelt mit Tücken

Jugendliche bewegen sich in der Scheinwelt des digitalen Raums oft leichtfüssiger als in der realen Welt. Aber letztlich spielen alle Menschen verschiedene Rollen – sagt der Medienpsychologe Prof. Dr. Daniel Süss.

«Unsere Kinder tun das, was sie schon immer getan haben – sie ahmen uns Erwachsene nach»
Prof. Dr. Daniel Süss

Einst blätterten Knirpse in der Zeitung. Heute wischen sie auf dem Display des Handys herum. In einer Studie haben Eltern besorgt zu Protokoll gegeben, dass sich ihre Kinder das Wissen über Sexualität aus dem Internet beschafften, erzählt Süss. Gleichzeitig sagten die Jugendlichen, ihre Eltern hätten sie am stärksten beeinflusst. «Wie man in der Familie miteinander spricht und mit Konformitätsdruck umgeht, prägt die Kinder», weiss Süss.

Selbstdarstellung à gogo

Das künstliche Schönheitsideal auf Instagram kann Jugendliche allerdings verunsichern und bis in Depressionen treiben – vor allem Mädchen. Der Vergleichswahn sei kein neues Phänomen, aber die sozialen Medien machten ihn sichtbar, erklärt Süss. Umso wichtiger sei es, den Selbstwert mit Familie und Freunden zu stärken – und ihn nicht an Likes zu knüpfen.

«Viele Jugendliche löschen ihre Social-Media-Profile, wenn sie merken, dass sie der Druck zur Selbstinszenierung zu sehr stresst», sagt Süss. Oder sie posten «No-Make-up-Selfies»,
die sympathisch rüberkommen. Humor, Hilfsbereitschaft und Ehrlichkeit seien gefragt, um beliebt zu sein. «Dazu gehört, die Realität ohne Perfektionsanspruch zu schätzen», folgert Süss.

Alle spielen Theater

Bereits in den 1950er-Jahren wies der Soziologe Erving Goffman in seinem Werk «Wir alle spielen Theater» darauf hin, dass wir unsere Selbstdarstellung im Alltag inszenieren. «Impression Management» findet in der physischen wie in der virtuellen Welt statt. «Wir pflegen je nach Kontext verschiedenste Identitäten», betont Süss. «Weicht die virtuelle Identität zu weit von der physischen ab, entsteht Stress. Man befürchtet, als schlechter Schauspieler entlarvt zu werden.»

Süss befürwortet darum eine Initiative aus Norwegen, die verlangt, dass die Bildbearbeitungen auf Social Media zu deklarieren sind: «Das erinnert einen daran, dass ein Bild nicht ein Abbild ist, sondern immer eine Umbildung.»

Dialog mit Erwachsenen erwünscht

Fakt ist aber, dass die sozialen Medien sowie die Gaming-Branche einen Milliardenmarkt darstellen. «Ja, Konsumenten werden raffiniert ins Spiel hineingezogen und manchmal subtil abhängig gemacht. Für die Spiele- und Social-Media-Industrie arbeiten viel mehr Psychologen als auf der Seite der Medienpädagogik», räumt Süss ein.

Punkto Medienkompetenz hätten wir darum nie ausgelernt. Es sei eine Lebensaufgabe, «die Balance zwischen der digitalen und der physischen Welt zu finden und zwischen Inszenierung und Authentizität.»

Prof. Dr. Daniel Süss
Prof. Dr. Daniel Süss ist Professor für Medienpsychologie an der ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften und Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Zürich.

Freunde oder Friends?

Die meisten Menschen haben bis zu drei, vielleicht sogar fünf beste Freunde – sagt Prof. Daniel Süss. «Freunde, mit denen man alles teilen kann, sind gut für die eigene psychische Gesundheit und fürs Wohlbefinden.» Anders sieht es mit den «Freunden» von Facebook und anderer Portale aus. Wer ein niedriges Selbstwertgefühl hat, neigt dazu, den virtuellen Bekanntenkreis auszuweiten. Ein «Friend» ist laut Süss eben kein Freund: Der englische Begriff umfasst auch Bekanntschaften.

Snapchat-Dysmorphia

Volle Lippen, lange Wimpern, makellose Haut – wie sich Menschen in sozialen Medien präsentieren, hat manchmal wenig mit dem Spiegelbild gemeinsam. Die Diagnose Snapchat-Dysmorphia steht fürs zwanghafte Bearbeiten von Selfies zwecks Selbstdarstellung. Forscher der Boston University School of Medicine haben die Körperbildstörung erstmals 2018 beschrieben. Zu den Symptomen gehören die fortwährende Auseinandersetzung mit dem Aussehen, der übermässige Vergleich mit anderen – bis hin zu Kratzen, Zwicken und Zupfen der Haut.

Jugendliche auf Social Media

Seit 2010 bilden die JAMES-Studien den Medienumgang von Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren im Zweijahresrhythmus in der Schweiz ab. Wie viel Prozent der Jugendlichen nutzen welche Social-Media-App?

Body Positivity

Influencerinnen und Influencer sind schön, schlank und jung – dieses Klischee trifft meist zu, aber nicht immer. Die Body-Positivity-Bewegung versucht, ein Gegengewicht zu bilden. Ihr Credo ist, dass jeder Körper schön sein kann. Und das bringen ihre Botschafterinnen und Botschafter auf Instagram, TikTok und weiteren Kanälen oft mit mutigen Bildern zum Ausdruck. Zum Beispiel, indem sie ihre Narben oder ihren Bauchspeck präsentieren.

Phubbing

Wer hat es nicht schon als demütigend empfunden, wenn sich das Gegenüber während des Rendezvous vorwiegend dem Smartphone widmet? Die Fixierung aufs Handy hat einen Namen: Phubbing, was sich aus «Phone» und «Snubbing» – jemanden vor den Kopf stossen – zusammensetzt. Als Reaktion aufs Phubbing greifen viele selbst zum Smartphone, womit ein Teufelskreis beginnt. Während uns das Smartphone näher zu Menschen in der Ferne bringt,
entfernt es uns von denjenigen, die uns nahe sind.